Unter dem Pflaster liegt der Strand — Die 68er und das Wahlrecht
Die 68er in Zahlen
- Kernphase: 1966–1972
- Auslöser: GroKo 1966 — 90 % Regierung, 10 % Opposition
- Tod Benno Ohnesorgs: 2. Juni 1967 — Radikalisierung
- Notstandsgesetze: 30. Mai 1968 — das Schreckgespenst
- Wahlrechts-Ergebnis: Wahlalter 18 (1972), Grüne (1980)
Sie warfen Farbbeutel und Flugblätter. Sie besetzten Hörsäle und blockierten Springer-Zeitungen. Sie trugen Parkas und lasen Marx. Und sie veränderten die Bundesrepublik nachhaltiger als jede Regierung es je tat — obwohl kein einziger von ihnen ein Mandat hatte.
Die 68er-Bewegung war laut, chaotisch, widersprüchlich und manchmal gefährlich. Aber sie war auch der Motor für zwei der wichtigsten demokratischen Reformen der Nachkriegszeit: die Absenkung des Wahlalters auf 18 Jahre und — langfristig — die Gründung der Grünen, die das Drei-Parteien-System endgültig aufbrach.
Warum musste der Protest auf die Straße? Weil es im Bundestag keinen Platz dafür gab. Seit 1966 regierten CDU/CSU und SPD in einer Großen Koalition. 447 gegen 49 Sitze. Die FDP als einzige Opposition war zu klein, um irgendetwas zu bewirken. Wer das System in Frage stellen wollte, musste es von außen tun.
Die Außerparlamentarische Opposition (APO)
Die APO war keine Partei und keine Organisation, sondern ein loses Bündnis aus Studenten, Intellektuellen, Gewerkschaftern und Bürgerrechtlern. Sie verband mehrere Anliegen: Protest gegen den Vietnamkrieg, Kritik an der mangelnden Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, Forderungen nach Hochschulreformen und Widerstand gegen die geplanten Notstandsgesetze.
Die Notstandsgesetze, die die Große Koalition am 30. Mai 1968 mit Zweidrittelmehrheit verabschiedete, waren ein zentraler Streitpunkt. Sie ermöglichten dem Staat, im Krisenfall Grundrechte einzuschränken. Für die APO war das ein Angriff auf die Demokratie; für die Regierung eine notwendige Ergänzung des Grundgesetzes, das bis dahin keine Notstandsregelungen enthielt.
Zeitleiste: 68er-Bewegung und Wahlrecht
| Jahr | Ereignis | Bezug zum Wahlrecht |
|---|---|---|
| 1966 | Große Koalition | Entstehung der APO mangels parlamentarischer Opposition |
| 1967 | Tod Benno Ohnesorgs | Radikalisierung der Studentenbewegung |
| 1968 | Notstandsgesetze, Attentat auf Dutschke | Debatte über demokratische Mitbestimmung |
| 1969 | Machtwechsel: SPD/FDP-Koalition | Brandt: „Mehr Demokratie wagen“ |
| 1970 | Passives Wahlrecht auf 21 gesenkt | Erste Wahlrechts-Reform als Folge der Bewegung |
| 1972 | Aktives Wahlrecht auf 18 gesenkt | Zentrale wahlrechtliche Errungenschaft der Epoche |
| 1980 | Gründung der Grünen | Langfristige Partei-politische Folge der 68er |
Der Machtwechsel 1969
Die Bundestagswahl am 28. September 1969 brachte den ersten Machtwechsel in der Geschichte der Bundesrepublik. Obwohl die CDU/CSU mit 46,1 % erneut stärkste Kraft wurde, bildeten SPD (42,7 %) und FDP (5,8 %) unter Willy Brandt eine sozialliberale Koalition. Brandts Regierungserklärung mit dem berühmten Satz „Wir wollen mehr Demokratie wagen“ war eine direkte Antwort auf die Forderungen der 68er-Bewegung.
Die neue Regierung setzte mehrere Reformen um, die von der Bewegung gefordert worden waren: die Absenkung des Wahlalters, die Ausweitung der betrieblichen Mitbestimmung, die Reform des Strafrechts (Entkriminalisierung von Homosexualität) und die Neue Ostpolitik.
Vom Protest zur Partei: Die Grünen
Die langfristig wohl bedeutendste politische Folge der 68er-Bewegung war die Gründung der Grünen am 13. Januar 1980 in Karlsruhe. Die neue Partei bündelte Strömungen, die in den 1970er-Jahren aus der 68er-Bewegung hervorgegangen waren: die Umweltbewegung, die Friedensbewegung, die Frauenbewegung und die Anti-Atomkraft-Bewegung.
Bei der Bundestagswahl 1983 überschritten die Grünen erstmals die Fünf-Prozent-Hürde und zogen mit 5,6 % in den Bundestag ein. Es war das Ende des Drei-Parteien-Systems, das seit 1961 bestanden hatte. Die Grünen erweiterten das Parteiensystem um eine neue Dimension — jenseits der klassischen Links-Rechts-Achse brachten sie ökologische, pazifistische und basisdemokratische Themen ins Parlament.
Die Wahlalter-Debatte
Die Forderung nach einer Absenkung des Wahlalters war ein zentrales Anliegen der 68er-Bewegung. Das Argument war klar: Wer mit 18 Jahren zum Wehrdienst eingezogen werden konnte, sollte auch wählen dürfen. Wer mit 21 Jahren volljährig war (die Volljährigkeit lag bis 1975 bei 21 Jahren), sollte auch das passive Wahlrecht haben.
| Zeitpunkt | Aktives Wahlrecht | Passives Wahlrecht | Volljährigkeit |
|---|---|---|---|
| 1949–1970 | 21 Jahre | 25 Jahre | 21 Jahre |
| 1970–1972 | 21 Jahre | 21 Jahre | 21 Jahre |
| 1972–1975 | 18 Jahre | 21 Jahre | 21 Jahre |
| Ab 1975 | 18 Jahre | 18 Jahre | 18 Jahre |
Die Absenkung auf 18 Jahre machte sich sofort bemerkbar: Bei der Bundestagswahl 1972 stieg die Wahlbeteiligung auf den Rekordwert von 91,1 %. Millionen junge Erstwähler strömten an die Urnen — und votierten überproportional für die SPD und Willy Brandt.
Vermaechtnis der 68er für die Demokratie
Die 68er-Bewegung hinterließ ein ambivalentes Erbe. Einerseits trug sie zur Demokratisierung der Gesellschaft bei, öffnete die politische Debatte und machte politische Beteiligung zur Selbstverständlichkeit. Andererseits radikalisierte sich ein Teil der Bewegung — die RAF (Rote Armee Fraktion) verbreitete in den 1970er-Jahren Angst und Schrecken.
Für das Wahlrecht und die politische Partizipation bleibt die Bilanz positiv: Die Absenkung des Wahlalters, die Gründung der Grünen und die Etablierung einer kritischen politischen Öffentlichkeit sind bleibende Errungenschaften. Die Debatte über eine weitere Absenkung des Wahlalters auf 16 Jahre, die seit den 2010er-Jahren geführt wird, steht in der Tradition dieser Demokratisierungsbewegung.
2. Juni 1967: Der Schuss, der eine Generation politisierte
Am 2. Juni 1967 wurde der 26-jährige Student Benno Ohnesorg während einer Demonstration gegen den Schah von Iran in West-Berlin von einem Polizisten erschossen. Der Schuss war der Auslöser, der aus einer diffus unzufriedenen Jugend eine politische Bewegung machte. Innerhalb von Wochen gründeten sich an allen westdeutschen Universitäten SDS-Gruppen (Sozialistischer Deutscher Studentenbund). Das parlamentarische System, repräsentiert durch die Große Koalition (CDU/CSU+SPD), lieferte keine konstruktive Opposition mehr — also organisierten Studenten die „Außerparlamentarische Opposition“ (APO). Ihre zentrale Forderung: Wahlalter 18. Als 1969 Willy Brandt Kanzler wurde, gehörte die Absenkung des Wahlalters zu seinen Prioritäten. Am 12. Dezember 1970 beschloss der Bundestag die Änderung des Grundgesetzes. Die Generation, die auf die Straße gegangen war, wählte 1972 zum ersten Mal — und zu 52% die SPD.
1933: Der Ermachtigungsbeschluss – wie ein Parlament sich selbst abschaffte
Am 23. März 1933 stimmte der Reichstag für das Ermächtigungsgesetz: 441 Ja, 94 Nein (nur SPD). Hitler erhielt das Recht, ohne Reichstag zu regieren. Die 94 SPD-Abgeordneten wussten, dass sie verlieren würden. SPD-Chef Otto Wels hielt trotzdem die letzte freie Rede im deutschen Parlament: "Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht." SA-Männer standen im Saal. Das Ermächtigungsgesetz war das Ende der Weimarer Republik. Das Grundgesetz 1949 enthielt als direkte Antwort: Ewigkeitsklausel, Bundesverfassungsgericht, konstruktives Misstrauensvotum.
Häufige Fragen zu den 68ern und dem Wahlrecht
Wie beeinflussten die 68er das Wahlrecht?
Die 68er-Bewegung setzte die Debatte über die Absenkung des Wahlalters in Gang. 1970 wurde das passive Wahlrecht auf 21 Jahre gesenkt, 1972 folgte die Absenkung des aktiven Wahlrechts auf 18 Jahre. Langfristig führte die Bewegung 1980 zur Gründung der Grünen.
Was war die APO?
APO steht für Außerparlamentarische Opposition. Sie entstand ab 1966, als CDU/CSU und SPD die Große Koalition bildeten und im Bundestag nur die kleine FDP als Opposition übrig blieb. Die APO umfasste Studenten, Intellektuelle und Bürgerrechtler.
Welche politischen Folgen hatte die 68er-Bewegung?
Langfristig führte die Bewegung zur Gründung der Grünen 1980, zur Absenkung des Wahlalters auf 18, zur gesellschaftlichen Liberalisierung und zu einer neuen politischen Beteiligungskultur. Sie trug maßgeblich zum Machtwechsel 1969 und Brandts Reformpolitik bei.
Weiterlesen
Merz-Regierung: Erste Bilanz
Von der Geschichte zur Gegenwart - Bundestagswahl 2025.
Große Koalition 1966
Der Auslöser für die Außerparlamentarische Opposition.
Wahlalter 18
Die zentrale Wahlrechts-Errungenschaft der 68er-Ära.
Ostpolitik unter Brandt
„Mehr Demokratie wagen“ — der Machtwechsel 1969.
Alle Ratgeber
450+ Artikel zu Wahlen und Politik in Deutschland.
Bundestagswahl 2029
Nächste Bundestagswahl: Termin, Kandidaten und Koalitionsszenarien.