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Fraktionssitzung im Bundestag in Berlin

Die Linke — Programm, Geschichte und Umfragewerte

Kann eine Partei überleben, die innerhalb eines einzigen Jahres ihr bekanntestes Gesicht verliert und ein Drittel ihrer Fraktion einbüsst? Diese Frage stand Ende 2024 im Raum — und ehrlich gesagt war die Antwort der meisten Beobachter ein Achselzucken. Die Linke galt vielen als erledigt. Sie kam zurück.

Aber Parteien, die aus der SED hervorgegangen sind, über die PDS zu einer gesamtdeutschen Kraft wurden und heute knapp 50.000 Mitglieder haben, sterben nicht so leicht. Jedenfalls nicht so schnell, wie Leitartikelschreiber das gerne hätten. Die Geschichte der Linken ist auch eine Geschichte der vielen Tode, die nie ganz eingetreten sind.

Key-Facts: Die Linke

  • Vollständiger Name: Die Linke
  • Gründung: 16. Juni 2007 (Vorgänger: PDS seit 1990)
  • Vorsitz: Jan van Aken / Ines Schwerdtner
  • Mitglieder: ca. 50.000 (Stand 2026)
  • Parteifarbe: Magenta / Pink
  • Ausrichtung: Demokratisch-sozialistisch
  • Bestes Bundestagswahlergebnis: 11,9% (2009)
  • Entstanden aus: Fusion von PDS und WASG
  • Aktuelle Umfrage: 10,2% (Durchschnitt, Stand 09.04.2026)

Von der Staatspartei zur Splitterpartei — und zurück?

1989–1990: Das Ende der SED

Die Wurzeln der Linken liegen in der tiefsten Krise, die eine deutsche Partei je durchgemacht hat. Als im November 1989 die Mauer fiel, war die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) die Partei, die 40 Jahre lang die DDR regiert hatte — inklusive Mauer, Stasi und Schiesbefehl. Dass aus dieser Partei jemals wieder eine demokratisch gewählte Kraft werden würde, glaubte Ende 1989 niemand.

Und doch geschah es. Im Dezember 1989 benannte sich die SED in SED-PDS um, im Februar 1990 strich sie die drei Buchstaben vor dem Bindestrich und wurde zur Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS). Der Mann, der diesen Wandel verkörperte, hiess Gregor Gysi — Rechtsanwalt, Redner von Gnaden, mit einem Humor, der selbst politische Gegner zum Lachen brachte. Gysis Bundestagsreden, in denen er die Regierung mit ironischer Präzision zerlegte, wurden später Hunderttausende Male auf YouTube geklickt. Er wurde das Gesicht der PDS und später der Linken — für über drei Jahrzehnte.

Die 1990er: Überleben im Osten

Die erste gesamtdeutsche Bundestagswahl 1990 brachte der PDS 2,4 Prozent. Was die Zahlen verschweigen: In den ostdeutschen Bundesländern lag sie bei 11,1 Prozent. Die PDS war von Anfang an eine Partei mit zwei Wirklichkeiten — im Westen irrelevant, im Osten fest verwurzelt. Viele Ostdeutsche wählten PDS nicht aus Nostalgie für die DDR, sondern weil sie sich von den westdeutsch geprägten Parteien nicht verstanden fühlten.

1994 retteten vier Direktmandate den Einzug in den Bundestag (Gesamtergebnis: 4,4%). 1998 übersprang die PDS erstmals die 5%-Hürde mit 5,1 Prozent. Dann kam 2002 — und beinahe das Ende: Mit nur 4,0 Prozent und zwei Direktmandaten (beide in Berlin, beide mit dem Namen Gysi und Pau) war die PDS auf den Status einer Splittergruppe geschrumpft.

2005: Der Lafontaine-Effekt

Was dann geschah, war eines der erstaunlichsten Comebacks der deutschen Parteiengeschichte. Oskar Lafontaine — ehemaliger SPD-Vorsitzender, ehemaliger Bundesfinanzminister, erbitterter Gegner der Hartz-IV-Reformen seines Nachfolgers Schröder — verliess die SPD und verbündete sich mit Gregor Gysi. Lafontaine brachte die westdeutsche WASG (Wahlalternative Arbeit und Soziale Gerechtigkeit) mit, eine Sammlungsbewegung enttäuschter SPD-Mitglieder und Gewerkschafter.

Bei der vorgezogenen Bundestagswahl 2005 traten PDS und WASG als gemeinsame Liste an und erreichten 8,7 Prozent. Aus 4,0 wurden 8,7 — eine Verdoppelung in drei Jahren. Historisch betrachtet ist das beispiellos: Zwei Parteien, die kulturell kaum weiter voneinander entfernt hätten sein können — ostdeutsche Ex-SED und westdeutsche Ex-SPD —, fanden zusammen, weil sie einen gemeinsamen Gegner hatten: die Agenda 2010.

2007 bis 2017: Die goldenen Jahre

Am 16. Juni 2007 fusionierten PDS und WASG offiziell zur Partei Die Linke. Die Doppelspitze Lothar Bisky (Ost) und Oskar Lafontaine (West) sollte den gesamtdeutschen Anspruch symbolisieren. Zwei Jahre später, bei der Bundestagswahl 2009, erreichte Die Linke ihr historisches Hoch: 11,9 Prozent und 76 Sitze. In diesem Moment schien der Traum einer gesamtdeutschen linken Kraft jenseits der SPD Wirklichkeit geworden.

Die eigentliche Frage lautet: Warum hielt dieses Hoch nicht? Die Antwort liegt in den internen Spannungen, die die Partei von der Fusion an begleiteten. Der Reformflügel wollte mitregieren — in Landesregierungen, perspektivisch auch im Bund. Der orthodoxe Flügel sah Die Linke als Bewegungspartei, die Opposition sein und die Gesellschaft von aussen verändern sollte. Und dann war da Sahra Wagenknecht, die populärste und zugleich umstrittenste Figur der Partei — eine Frau, die auf jeder Talkshow-Couch zu Hause war, aber in der eigenen Partei zunehmend aneckte.

Die Ergebnisse sanken: 8,6 Prozent (2013), 9,2 Prozent (2017). Solide Werte, aber der Abwärtstrend war erkennbar.

Wahlergebnisse seit 1990: Der lange Bogen

WahlParteinameZweitstimmenSitzeKontext
1990 PDS 2,4% 17 Erste gesamtdeutsche Wahl
1994 PDS 4,4% 30 4 Direktmandate sichern Einzug
1998 PDS 5,1% 36 Erstmals über 5%
2002 PDS 4,0% 2 Nur 2 Direktmandate, Verlust Fraktionsstatus
2005 Linkspartei.PDS 8,7% 54 Gemeinsame Liste mit WASG
2009 Die Linke 11,9% 76 Historischer Höchststand
2013 Die Linke 8,6% 64 Verluste nach Finanzkrise-Effekt
2017 Die Linke 9,2% 69 Leichte Erholung
2021 Die Linke 4,9% 39 Unter 5%, Einzug über Grundmandatsklausel
2025 Die Linke 3,8% 0 Nach BSW-Spaltung, unter 5%-Hürde, kein Direktmandat — nicht im Bundestag

Von 2,4 auf 11,9 und wieder hinunter auf 3,8 Prozent — dieser Bogen erstreckt sich über 35 Jahre und vier verschiedene Parteinamen. Was die Zahlen verschweigen: Hinter der nackten Statistik stehen Millionen von Menschen, die zu verschiedenen Zeitpunkten aus verschiedenen Gründen diese Partei gewählt haben — die DDR-sozialisierte Rentnerin in Rostock, der Hartz-IV-Kritiker in Gelsenkirchen, die Friedensaktivistin in Freiburg. Sie alle zusammen bildeten einmal eine Kraft, die fast 12 Prozent holte. Dass sie auseinandergefallen sind, ist vielleicht weniger überraschend als die Tatsache, dass sie überhaupt zusammengefunden hatten.

Der Ost-West-Graben: Von der Volkspartei zur Randerscheinung

RegionBTW 2009BTW 2017BTW 2021BTW 2025
Ostdeutschland 28,5% 17,8% 10,0% ~8%
Westdeutschland 8,3% 7,4% 3,6% ~2,5%

28,5 Prozent im Osten im Jahr 2009, rund 8 Prozent im Jahr 2025. Das ist kein langsamer Rückgang — das ist ein Absturz. Die Linke hat ihre ostdeutsche Stammwählerschaft in anderthalb Jahrzehnten weitgehend verloren, teils an die AfD, teils an das BSW, teils ins Nichts der Nichtwähler. Im Westen, wo die Partei nie wirklich Fuss gefasst hatte, ist sie mit 2,5 Prozent zur Randerscheinung geschrumpft.

Freunde im Gespräch über Politik in einem Café
Die Linke muss sich nach der BSW-Spaltung neu erfinden — und neue Wählerschichten ansprechen.

Die BSW-Spaltung: Der tiefste Einschnitt

Im Januar 2024 tat Sahra Wagenknecht, was viele seit Jahren erwartet hatten: Sie ging. Mit ihr gingen neun weitere Bundestagsabgeordnete, Tausende Mitglieder und — das wog am schwersten — die mediale Aufmerksamkeit. Denn Wagenknecht war Die Linke in der öffentlichen Wahrnehmung. Wenn sie in einer Talkshow sass, sass Die Linke dort. Wenn sie eine Bundestagsrede hielt, wurde Die Linke zitiert. Ohne sie wurde es still.

Die verbliebene Partei verlor auf einen Schlag:

  • 10 Bundestagsabgeordnete — rund ein Drittel der Fraktion
  • Tausende Mitglieder, die zum BSW wechselten
  • Mediale Sichtbarkeit: Ohne Wagenknecht fehlte das Talkshow-Gesicht
  • Wähler: Vor allem in Ostdeutschland wanderten Stimmen zum BSW ab

Totgesagte leben länger — der Neuanfang ab 2025

3,8 Prozent bei der Bundestagswahl 2025. Die Linke war raus — zum ersten Mal seit 1990 sass keine Nachfolgerin der PDS im Deutschen Bundestag. Die Nachrufe waren geschrieben. Und dann geschah etwas, das niemand auf dem Zettel hatte.

Die neue Doppelspitze Jan van Aken und Ines Schwerdtner, beide kaum über 40, trat mit einer Aggressivität auf, die man von dieser Partei nicht mehr kannte. Schwerdtner, ehemalige Journalistin und Podcast-Macherin, sprach eine Sprache, die jüngere Wähler erreichte. Van Aken, ehemaliger UN-Waffeninspekteur, brachte aussenpolitische Glaubwürdigkeit mit. Zusammen setzten sie auf ein klares Profil: Klimagerechtigkeit, soziale Bewegungen, offene Migrationspolitik — bewusst das Gegenteil von dem, was das BSW vertrat.

Die Mitgliederzahlen, die nach der Spaltung eingebrochen waren, stabilisierten sich. Neue Mitglieder kamen — jünger, städtischer, aktivistischer als die alte Basis. In Berlin, Hamburg und Bremen zeigte Die Linke bei Kommunalwahlen, dass sie in urbanen Räumen noch mobilisieren konnte. Die eigentliche Frage lautet: Reicht das für eine Rückkehr über die 5%-Hürde bei der nächsten Bundestagswahl? Sicher ist das nicht. Aber sicher war 2002, als die PDS auf 4,0 Prozent fiel, auch nichts — und drei Jahre später holte sie 8,7 Prozent.

Gregor Gysi, inzwischen über 78 Jahre alt, kommentierte die Lage mit dem ihm eigenen Lakonismus: Es sei nicht das erste Mal, dass jemand Die Linke beerdige, und vermutlich auch nicht das letzte Mal, dass sie trotzdem aufstehe. Es ist ein Satz, der die ganze Geschichte dieser Partei in einem Bild verdichtet.

Was Die Linke heute fordert

Soziale Gerechtigkeit

Der programmatische Kern, seit 1990 unverändert in seiner Stossrichtung: Umverteilung von oben nach unten. Konkret: Vermögensteuer, höherer Mindestlohn, eine solidarische Mindestrente von 1.200 Euro, Abschaffung der Zwei-Klassen-Medizin durch eine Bürgerversicherung. Die Linke bleibt die Partei, die am lautesten „soziale Ungleichheit“ ruft — ob jemand zuhört, ist die andere Frage.

Klimagerechtigkeit

Seit dem Generationswechsel in der Führung rückt Klimapolitik stärker ins Zentrum — aber unter dem Label „Klimagerechtigkeit“: Klimaschutz ja, aber so, dass die Kosten nicht auf Geringverdiener abgewälzt werden. Schnellerer Kohleausstieg, Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, stärkere Regulierung von Konzernen. In diesem Feld konkurriert Die Linke direkt mit den Grünen — mit dem Argument, sozial gerechter zu sein.

Friedenspolitik

Die Linke lehnt Rüstungsexporte und Auslandseinsätze der Bundeswehr ab. Die NATO-Kritik ist geblieben, ebenso die Forderung nach einem kollektiven Sicherheitssystem unter Einschluss Russlands. In diesem Punkt überschneidet sie sich mit dem BSW, auch wenn die Schwerpunkte unterschiedlich gesetzt werden.

Migration und Asyl

Der schärfste Kontrast zum BSW: Die Linke vertritt eine offene Migrationspolitik. Sichere Fluchtwege, keine Abschiebungen in Krisengebiete, erleichterter Zugang zum Arbeitsmarkt für Geflüchtete. Genau dieses Thema war der Kern des Konflikts mit Wagenknecht — und genau hier zieht Die Linke die schärfste Grenze zur Abspaltung.

Aktuelle Umfragewerte

Die aktuellen Sonntagsfrage-Ergebnisse zeigen Die Linke aktuell bei durchschnittlich 10,2 Prozent. Das ist — im Vergleich zum BTW-Ergebnis 2025 (3,8%) — eine deutliche Erholung. Seit dem Amtsantritt der neuen Parteiführung unter van Aken und Schwerdtner ist Die Linke in Umfragen wieder über die 5%-Marke geklettert. Ob diese Stabilisierung anhält und ob die Partei bei der nächsten Bundestagswahl den Einzug ohne Direktmandate schafft, bleibt offen. Die Partei befindet sich in der Zone, in der jeder Prozentpunkt über Sein oder Nichtsein entscheidet. Eine Übersicht aller Institute finden Sie auf unserer Startseite.

Aktuelle Umfragen

DatumInstitutLinke
08.04.2026 INSA 10,5%
07.04.2026 Forsa 10,0%
04.04.2026 INSA 11,0%
01.04.2026 Infratest dimap 10,0%
01.04.2026 Ipsos 11,0%

2023: Sahra Wagenknecht kuendigt Austritt an – und nimmt ein Drittel der Fraktion mit

Am 23. Oktober 2023 erklaerte Sahra Wagenknecht oeffentlich, die Linke verlassen zu wollen. Sie nahm 9 von 28 Bundestagsabgeordneten mit. Die Linke-Fraktion sank unter die Mindestgroesse und verlor damit Ausschusssitze, Redezeiten und Mitarbeiterstellen. Es war die groesste Spaltung einer deutschen Parlamentspartei seit der PDS-Gruendung 1990.

Häufige Fragen zu Die Linke

Wann wurde Die Linke gegründet?

Die Linke wurde am 16. Juni 2007 durch die Fusion der PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus) mit der WASG (Arbeit und soziale Gerechtigkeit) gegründet. Die Wurzeln reichen über die PDS bis zur SED der DDR zurück.

Was ist die BSW-Spaltung?

Im Januar 2024 verliessen Sahra Wagenknecht und neun weitere Bundestagsabgeordnete Die Linke und gründeten das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW). Die Spaltung kostete Die Linke ein Drittel ihrer Fraktion, Tausende Mitglieder und ihr bekanntestes Gesicht.

Ist Die Linke noch im Bundestag?

Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte Die Linke 3,8% und verfehlte die 5%-Hürde. Zum ersten Mal seit 1990 ist keine Nachfolgepartei der PDS im Bundestag als Fraktion vertreten.

Was unterscheidet Die Linke vom BSW?

Die grössten Unterschiede liegen bei Migration (Linke: offen, BSW: restriktiv), Identitätspolitik (Linke: Schwerpunkt, BSW: kritisch) und Klimapolitik (Linke: Kernthema, BSW: pragmatisch). In der Sozialpolitik sind sich beide Parteien ähnlich.

Mehr dazu: CDU/CSU Umfragen · Politik TV · Politik-News
SonntagsfrageCDU/CSU25,7%SPD12,3%Grüne13,7%AfD25,7%BSW3,5%FDP3,3%Linke10,2%INSA · 08.04.BTW 2025CDU/CSU28,5%SPD20,5%Grüne11,6%AfD20,8%BSW5,0%FDP4,3%Linke3,8%FAZ Politik Ungarns Nähe zu Moskau: Und Orbán versprach Putin: Ich bin Dir zu DienstenFAZ Politik Elsass will mehr Rechte: Autonomie in Straßburg und ParisWelt Politik „Wir brauchen Planungssicherheit in der Reserve“Spiegel Politik News des Tages: Mario Adorf, der Zauberer. Donald Trumps Ultimatum.Welt Politik Flasche mit Aufschrift „Polonium“ bei Ostereiersuche gefunden – Ergebnis steht festSpiegel Politik Boris Pistorius: Kommunikationsdesaster und die Frage nach seiner TauglichkeitTagesschau Ankündigung von Merz: Deutschland will wieder Gespräche mit Iran aufnehmenFAZ Politik In Tschechien: Langjähriger Rechtsextremist Liebich gefasstWelt Politik Trump erhöht den Druck auf Europa – und fordert laut Bericht konkrete Zusagen einZDF heute Europas KI-AufholjagdSpiegel Politik München: Nach Tod von Surferin wächst Streit um Risiko am EisbachTagesschau Ein Jahr Koalitionsvertrag: Von Liebe, Brücken und Reformen
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