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Bürgerinnen und Bürger in Deutschland — demografischer Wandel im Faktencheck

Bevölkerungsaustausch: Stimmt die These? Was Studien und Statistiken wirklich zeigen

„Bevölkerungsaustausch" ist eines der meistgenutzten politischen Schlagwörter der letzten Jahre — von der AfD, identitären Bewegungen und rechten Social-Media-Kanälen verbreitet, von Millionen wiederholt. Die These: Deutschland wird systematisch durch Migration bevölkert, insbesondere durch Muslime, bis die angestammte Bevölkerung zur Minderheit wird. Doch was sagen die tatsächlichen Studien und amtlichen Statistiken? BWU hat die wichtigsten Datenquellen ausgewertet.

Fakten auf einen Blick

  • Muslime in Deutschland (2023): ca. 5,5–6,0 Mio. = ~6,5–7 % (BAMF)
  • Pew Research 2050 (mittleres Szenario): ~10–11 % Muslimanteil
  • Pew Research 2050 (Extremszenario): max. 19,7 % — kein „Austausch"
  • Geburtenrate: konvergiert in 2.–3. Generation auf deutschen Durchschnitt
  • Herkunft des Begriffs: Renaud Camus, Frankreich 2011
  • VS-Einstufung: Kernelement extremistischer Ideologie (Verfassungsschutzbericht 2025)

Wo kommt der Begriff her?

Den Begriff Grand Remplacement (Großer Austausch) prägte der französische Autor Renaud Camus 2011 in einem gleichnamigen Buch. Er behauptete, die französische Bevölkerung werde durch außereuropäische, überwiegend muslimische Einwanderer systematisch ersetzt — gesteuert von einer liberalen politischen Elite. Belege für eine organisierte Steuerung lieferte er nicht. Der Begriff wurde zum Grundvokabular der weltweiten identitären Bewegung.

Der Attentäter von Christchurch (2019, 51 Tote) berief sich in seinem Manifest explizit darauf. Das Bundesamt für Verfassungsschutz listet „Bevölkerungsaustausch" im Verfassungsschutzbericht 2025 als Kernelement der beobachteten Identitären Bewegung. Wer den Begriff politisch verwendet, bedient damit ein Narrativ, das mit demokratischer Sachpolitik nichts zu tun hat.

Muslime in Deutschland: Was die Zahlen wirklich zeigen

Die wichtigste amtliche Quelle ist die Studie „Muslimisches Leben in Deutschland 2020" des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF), aktualisiert 2023. Sie wurde im Auftrag der Deutschen Islamkonferenz durchgeführt und ist die umfassendste empirische Erhebung dieser Art.

Muslime in Deutschland — Entwicklung (Quellen: BAMF, Pew Research, Destatis)
Jahr Muslime in DE Anteil Bevölkerung Quelle
2000 ca. 3,0 Mio. ~3,6 % Bundeszentrale f. pol. Bildung
2010 ca. 4,0 Mio. ~4,9 % Forschungsgruppe Weltanschauungen
2015 ca. 4,9 Mio. ~5,9 % Pew Research Center
2020 5,3–5,6 Mio. 6,4–6,7 % BAMF „Muslimisches Leben in Deutschland"
2024 ca. 5,5–6,0 Mio. ~6,5–7,1 % Destatis / SVR-Schätzung

Der Anteil der Muslime ist in 25 Jahren von etwa 3,6 % auf ca. 6,5–7 % gestiegen — ein Wachstum, aber weit entfernt von einer Mehrheit. Rund 93 % der Bevölkerung in Deutschland sind keine Muslime. Die größte muslimische Gruppe stammt aus der Türkei (ca. 2,8 Mio.), gefolgt von arabischen Ländern und dem Balkan.

Pew Research: Was passiert bis 2050?

Die einflussreichste Projektion stammt vom Pew Research Center (2017): „Europe’s Growing Muslim Population". Untersucht wurden drei Szenarien, je nachdem wie stark Migration weiterläuft:

Pew Research: Muslimanteil Deutschland 2050 in drei Szenarien
Szenario Annahme Muslimanteil 2050
Null-Migration Migration stoppt vollständig 8,7 %
Mittlere Migration Normales Niveau ohne Flüchtlingswellen 10,8 %
Hohe Migration Dauerhaft auf Niveau der Flüchtlingskrise 2015/16 19,7 %

Selbst im Maximalszenario — dauerhaft massive Flüchtlingswellen wie in der Krise 2015/16, Jahr für Jahr bis 2050 — würde der Muslimanteil auf knapp 20 % steigen. Das ist kein Austausch, sondern eine Minderheitenvergrößerung. Zum Vergleich: Der christliche Anteil läge dann noch bei über 40 %, der konfessionslose Anteil ebenfalls deutlich darüber. Realitätsnäher ist das mittlere Szenario: rund 10–11 %.

Geburtenraten: Der Konvergenzeffekt

Ein zentrales Element der Austausch-These ist die Behauptung, muslimische Familien hätten deutlich mehr Kinder und würden die Deutschen dadurch zahlenmäßig überholen. Das Max-Planck-Institut für demografische Forschung und das BAMF zeigen: Die Geburtenrate von Frauen mit muslimischem Migrationshintergrund nähert sich mit jeder Generation dem deutschen Durchschnitt an.

Zusammengefasste Geburtenziffer (TFR) nach Herkunft und Generation
Gruppe Kinder pro Frau (TFR) Quelle
Deutsche Frauen (ohne Migrationshintergrund) 1,57 Destatis 2023
Einwanderinnen aus musl. Herkunftsländern (1. Gen.) 2,0–2,4 BAMF / Pew Research
2. Generation (in Deutschland aufgewachsen) 1,7–1,9 Max-Planck-Institut
3. Generation 1,6–1,7 SVR-Schätzung

Die Geburtenrate konvergiert innerhalb von zwei bis drei Generationen auf das Niveau der Aufnahmegesellschaft — ein in der Migrationsforschung weltweit beobachtetes Muster. Kein exponentielles demografisches Wachstum, das die These eines Austausches stützen könnte.

Migrationshintergrund ≠ muslimisch

Das Statistische Bundesamt erfasst seit 2005 „Personen mit Migrationshintergrund" (PMH). Aktuell: 22,3 Millionen = 26,7 % der Bevölkerung (2023). Das klingt groß, muss aber eingeordnet werden:

  • Ca. 12 Millionen davon sind deutsche Staatsangehörige — eingeburgert oder hier geboren.
  • Der größte Einzelanteil stammt aus anderen EU-Ländern (Polen, Rumänien, Italien etc.).
  • Muslime unter den PMH: nach BAMF-Schätzung ca. 25 % — also etwa 5,5–6 Mio. von 22 Mio. PMH.

Die Austausch-These setzt „Migrationshintergrund" mit „muslimisch" und „nicht-deutsch" gleich — eine dreifache Verfälschung der Datenlage.

Was der Bertelsmann Religionsmonitor 2023 zeigt

Der Religionsmonitor 2023 der Bertelsmann Stiftung befragte 12.000 Muslime in Deutschland. Ergebnisse:

  • 67 % fühlen sich „sehr" oder „eher" zu Deutschland zugehörig.
  • 73 % halten Demokratie für die beste Staatsform.
  • 82 % der 2. Generation spricht Deutsch als erste oder gleichrangige Sprache.

Der Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR) stellt im Jahresgutachten 2024 fest: Strukturelle Integration — Bildung, Ausbildung, Arbeitsmarkt — verbessert sich über Generationen deutlich. Verbleibende Unterschiede erklären sich primär durch sozioökonomische Faktoren.

Fazit: Stimmt die These?

Bewertung: Nicht haltbar

Behauptung Was die Daten zeigen Bewertung
Muslime werden bald die Mehrheit Max. 20 % bis 2050 (Extremszenario, Pew) Falsch
Der Austausch ist geplant/organisiert Kein Beleg — kein Staat, keine Organisation benannt Falsch
Muslimische Geburtenraten explodieren Konvergenz auf dt. Niveau in 2.–3. Generation Falsch
Migration verändert die Gesellschaft demografisch Ja — Muslimanteil stieg von 3,6 % (2000) auf ca. 7 % (2024) Teils wahr
Integration scheitert Bertelsmann: 67 % Zugehörigkeitsgefühl, Generationen-Konvergenz Falsch

Gesamtbewertung: Demografischer Wandel durch Migration ist real und messbar. Ein „Austausch" — das Ersetzen einer Bevölkerung bis zur Marginalisierung — ist mit keiner seriösen Projektion belegbar. Wer den Begriff politisch verwendet, betreibt Stimmungsmache, keine Sachpolitik.

Häufige Fragen zum Bevölkerungsaustausch

Was bedeutet „Bevölkerungsaustausch"?

Der Begriff geht auf den französischen Autor Renaud Camus (2011) zurück und behauptet, eine liberale Elite ersetze gezielt die europäische Bevölkerung durch außereuropäische Einwanderer. Belege gibt es nicht. Verfassungsschutzbehörden in Deutschland klassifizieren den Begriff als Kernelement extremistischer Ideologie.

Wie viele Muslime leben in Deutschland?

Nach der BAMF-Studie „Muslimisches Leben in Deutschland" (2023) leben ca. 5,3 bis 6,0 Millionen Muslime in Deutschland — etwa 6,5 bis 7,1 % der Bevölkerung. Der größte Anteil stammt aus der Türkei (ca. 2,8 Mio.), gefolgt von arabischen Ländern und dem Balkan.

Werden Muslime in Deutschland jemals die Mehrheit?

Nein — nach keiner seriösen Projektion. Das Pew Research Center (2017) berechnete für Deutschland selbst im Maximalszenario einen Muslimanteil von ca. 20 % bis 2050. Im realistischen mittleren Szenario sind es etwa 10–11 %. Eine muslimische Mehrheit ist demografisch auf absehbare Zeit ausgeschlossen.

Haben muslimische Familien wirklich viel mehr Kinder?

In der ersten Generation ist die Geburtenrate etwas höher (ca. 2,0–2,4 Kinder/Frau) als der deutsche Durchschnitt (1,57). Ab der zweiten Generation in Deutschland gleicht sie sich jedoch stark an — ein in der Migrationsforschung weltweit beobachtetes Muster.

Welche Parteien nutzen den Begriff „Bevölkerungsaustausch"?

In Deutschland vor allem die AfD sowie Teile der Identitären Bewegung. Der Verfassungsschutzbericht 2025 wertet die Verwendung als Merkmal demokratiefeindlicher Agitation.

Welche Studien gibt es zum Muslimanteil in Deutschland?

Die wichtigsten Quellen: BAMF „Muslimisches Leben in Deutschland" (2023), Pew Research Center „Europe’s Growing Muslim Population" (2017), Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR, Jahresgutachten 2024), Bertelsmann Stiftung Religionsmonitor (2023), Statistisches Bundesamt (Destatis). Alle öffentlich zugänglich.

Quellen

  • BAMF / Bundesministerium des Innern: Muslimisches Leben in Deutschland 2020/2023 — Studie im Auftrag der Deutschen Islamkonferenz
  • Pew Research Center (2017): Europe’s Growing Muslim Population — Szenarien-Analyse für 2050
  • Statistisches Bundesamt (Destatis): Bevölkerung mit Migrationshintergrund 2023
  • Bertelsmann Stiftung: Religionsmonitor 2023 — 12.000 Befragte in Deutschland
  • Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR): Jahresgutachten 2024
  • Max-Planck-Institut für demografische Forschung: Fertility of immigrants and their descendants in Germany
  • Bundesamt für Verfassungsschutz: Verfassungsschutzbericht 2025
  • Renaud Camus: Le Grand Remplacement, Paris 2011 (Originalbegriff)
SonntagsfrageCDU/CSU23,6%SPD12,4%Grüne14,4%AfD26,8%BSW3,0%FDP3,6%Linke10,6%INSA · 09.05.BTW 2025CDU/CSU28,5%SPD20,5%Grüne11,6%AfD20,8%BSW5,0%FDP4,3%Linke3,8%FAZ Politik Deutschland-Liveblog: Söder über 1000-Euro-Prämie: „Ich glaube, die ist vom Tisch“Welt Politik „Vertrauen verloren“ – Lettlands Verteidigungsminister tritt nach Drohnenvorfällen zurückSpiegel Politik Markus Söder erklärt Entlastungsprämie f��r gescheitertWelt Politik AfD gewinnt erstmals bei Bürgermeisterwahl in Brandenburg – mit mehr als 58 Prozent der StimmenTagesschau Söder verlangt von der Regierung Ergebnisse - Prämie hält er für totFAZ Politik Liveblog Ukrainekrieg: Lettischer Verteidigungsminister tritt zurückSpiegel Politik Kanzler-Galerie: Angela Merkel und Olaf Scholz zögern mit ihren PorträtsZDF heute Wildbergers Kampf gegen BürokratieZDF heute Berlin direkt vom 10. Mai 2026ZDF heute Interview mit SPD-Generalsekretär KlüssendorfTagesschau ARD-Dialogprojekt: Miteinander reden - statt übereinanderFAZ Politik Bosnien-Hercegovina: Die USA gegen Europas StabilitätWelt Politik „Wenn sich jemand dem Ort nähert, werden wir ihn in die Luft jagen“, sagt Trump über Irans UranTagesschau Putin schlägt Schröder als Vermittler vor - die Reaktionen sind gemischtSpiegel Politik Ukraine: SPD-Politiker offen für Putins Vorschlag zu Gerhard Schröder als Vermittler

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