Wahlkreis 163: Gelsenkirchen – Schalke, Strukturbruch und der Kampf um Würde
Key-Facts: Wahlkreis 163
- Wahlkreis-Nr.: 163
- Name: Gelsenkirchen
- Bundesland: Nordrhein-Westfalen
- Einwohner: ~260.000
- Stärkste Partei 2025: SPD (28,6 %)
- Direktmandat 2021: SPD
Es gibt Städte, deren Name ein ganzes Narrativ transportiert. Gelsenkirchen ist so eine Stadt. Für die einen ist es Schalke 04, blau-weiße Leidenschaft, 62.000 Menschen in der Veltins-Arena. Für Sozialwissenschaftler ist es ein Fallbeispiel: die ärmste Großstadt Deutschlands, ein Ort, an dem Statistiken menschliche Geschichten erzählen – über verlorene Arbeitsplätze, Kinderarmut und den zähen Versuch, nach dem Ende des Bergbaus neu anzufangen.
30 Zechen, null Zechen
Gelsenkirchen hatte einst über 30 aktive Steinkohlezechen. Die Stadt war Synonym für Bergbau – mehr noch als Essen, mehr noch als Dortmund. „Stadt der 1000 Feuer“ nannte man Gelsenkirchen, wegen der Kokereien, deren Flammen den Nachthimmel erhellten. Heute ist keine einzige Zeche mehr in Betrieb. Die letzte schloss in den 1990er-Jahren. Was blieb, sind Halden, die zu Naherholungsgebieten umgestaltet wurden, Zechensiedlungen, die unter Denkmalschutz stehen, und eine Stadt, die ihre wirtschaftliche Basis verloren hat, ohne einen vollwertigen Ersatz gefunden zu haben.
Schalke 04: Mehr als ein Verein
Man kann Gelsenkirchen nicht verstehen, ohne Schalke zu verstehen. Der FC Schalke 04 ist nicht einfach ein Fußballclub – er ist das emotionale Zentrum der Stadt. In einer Kommune, die wirtschaftlich seit Jahrzehnten kämpft, gibt der Verein Identität, Zusammenhalt und Stolz. Die Veltins-Arena, das größte Bauwerk der Stadt, ist gleichzeitig Arena, Veranstaltungsort und Jobmotor. Schalkes wechselvolle Vereinsgeschichte – sportliche Höhen, finanzielle Krisen, Abstiege und Auferstehungen – spiegelt die Geschichte der Stadt wider.
Zahlen, die wehtun
Die Arbeitslosenquote liegt über 14 Prozent. Fast jedes dritte Kind in Gelsenkirchen lebt in Armut. Die Kaufkraft pro Einwohner ist die niedrigste aller deutschen Großstädte. Die Bevölkerung schrumpft seit Jahrzehnten – von über 390.000 in den 1960ern auf rund 260.000 heute. Junge, gut ausgebildete Menschen verlassen die Stadt, ältere bleiben. Es ist ein Kreislauf, der sich selbst verstärkt und den zu durchbrechen eine der größten kommunalpolitischen Herausforderungen im gesamten Bundesgebiet darstellt.
AfD: Höchste Werte in NRW-Großstädten
Mit 20,4 Prozent erreicht die AfD in Gelsenkirchen den höchsten Wert aller Großstädte in Nordrhein-Westfalen. Das ist kein Zufall. Die Kombination aus hoher Arbeitslosigkeit, niedriger Kaufkraft und einem Gefühl, von der Politik vergessen zu werden, schafft den Nährboden, auf dem Protestparteien gedeihen. Die SPD hält zwar das Direktmandat, aber der Vorsprung schmilzt bei jeder Wahl.
| Partei | Erststimmen 2025 | Rang |
|---|---|---|
| SPD | 28,6 % | 1 – Direktmandat |
| AfD | 20,4 % | 2 |
| CDU | 21,8 % | 3 |
| Grüne | 7,4 % | 4 |
| Linke | 5,6 % | 5 |
| Sonstige | 16,2 % | – |
Wasserstoff und Zukunft?
Gelsenkirchen setzt auf erneuerbare Energien und Wasserstofftechnologie. Der Wissenschaftspark, die Westfälische Hochschule und einzelne Ansiedlungen im Technologiebereich geben Anlass zu vorsichtigem Optimismus. Ob diese Projekte ausreichen, um den Strukturwandel tatsächlich zu vollziehen, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Eines ist klar: Die Stadt hat den längsten Weg vor sich von allen Ruhrgebietsstädten.
Lage des Wahlkreises
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2005: Merkels knapps ter Sieg –1 Prozentpunkt entscheidet über die Große Koalition
Die Bundestagswahl 2005 war die knappste seit 1949: CDU/CSU 35,2 Prozent, SPD 34,2 Prozent – 1 Prozentpunkt Abstand. Angela Merkel sollte Kanzlerin werden – verlor aber massiv gegen die Erwartungen (40+ Prozent in Umfragen). SPD-Kandidat Schröder erklärte sich trotzdem zum Wahlsieger. Ergebnis: Große Koalition, Merkel als Kanzlerin. Die FDP (9,8 Prozent) und Grünen (8,1 Prozent) waren zu schwach für eigene Regierungen. Die Wahlkreiskarte zeigte: Ost fast durchgängig SPD/PDS, West fragmentiert. 75 Direktmandate gingen an die SPD in Westdeutschland – ein letzter großer Erfolg.
Häufige Fragen
Warum ist Gelsenkirchen die ärmste Großstadt Deutschlands?
Gelsenkirchen war das Zentrum des Steinkohlebergbaus mit über 30 Zechen. Nach dem Bergbau-Ende brach die wirtschaftliche Basis weg. Die Arbeitslosenquote liegt bei über 14 Prozent, die Kinderarmut gehört zu den höchsten bundesweit, und die Kaufkraft pro Einwohner ist die niedrigste aller deutschen Großstädte.
Welche Rolle spielt Schalke 04 für Gelsenkirchen?
Schalke 04 ist Identitätsstifter für die gesamte Stadt. Die Veltins-Arena fasst über 62.000 Zuschauer und ist das größte Bauwerk Gelsenkirchens. Der Verein ist Arbeitgeber, Wirtschaftsfaktor und das emotionale Zentrum einer Stadt, die wirtschaftlich seit Jahrzehnten kämpft.
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