Wahlkreis 160: Essen III – Der vergessene Norden einer geteilten Stadt
Key-Facts: Wahlkreis 160
- Wahlkreis-Nr.: 160
- Name: Essen III
- Bundesland: Nordrhein-Westfalen
- Gebiet: Nördliche Stadtteile: Altenessen, Karnap, Stoppenberg, Katernberg
- Stärkste Partei 2025: SPD (28,6 %)
- Direktmandat 2021: SPD
Nur wenige Kilometer trennen Essen II von Essen III. Doch wer von Rüttenscheid nach Altenessen fährt, durchquert in zwanzig Minuten eine soziale Kluft, die Soziologen als eine der extremsten in Deutschland beschreiben. Im Süden Villen und Baldeneysee, im Norden leerstehende Ladenlokale und Spielhallen. Der Wahlkreis 160 ist das Essen, das in Hochglanzbroschüren nicht vorkommt – und doch leben hier Hunderttausende Menschen, die bei Bundestagswahlen ihre Stimme abgeben.
Altenessen und Karnap: Was der Bergbau hinterließ
Die Stadtteile des Essener Nordens sind Kinder des Bergbaus. Zechen wie die Zeche Carl und die Zeche Fritz Heinrich prägten Altenessen über Generationen. Als die letzte Zeche schloss, verschwanden nicht nur Arbeitsplätze – es verschwand eine ganze Lebensweise. Die Zechensiedlungen stehen noch, aber die Menschen, die einst dort in solidarischer Nachbarschaft lebten, sind vielfach weggezogen oder gestorben. Zurück blieb eine Infrastruktur, die für eine Bevölkerung gebaut wurde, die es in dieser Form nicht mehr gibt.
Karnap, der nördlichste Stadtteil Essens, grenzt direkt an Gelsenkirchen. Hier liegt die Arbeitslosenquote bei über 15 Prozent, der Anteil an Transferleistungsempfängern ist einer der höchsten in ganz Nordrhein-Westfalen. Gleichzeitig sind die Mieten niedrig, was den Stadtteil für Zuwanderer attraktiv macht – ein Kreislauf, der die soziale Durchmischung nicht vereinfacht.
Das Nord-Süd-Gefälle: Zahlen, die sprechen
Die Statistik ist schonungslos: Die Lebenserwartung im Essener Norden liegt mehrere Jahre unter der im Süden. Das Medianeinkommen in Bredeney (Wahlkreis 159) ist mehr als doppelt so hoch wie in Katernberg (Wahlkreis 160). Die Abiturquote, die Kinderarmut, die Zahnarztdichte – nahezu jeder Sozialindikator zeigt den gleichen Riss. Essen ist nicht einfach eine Stadt mit reichen und armen Vierteln. Essen ist zwei Städte in einer.
| Partei | Erststimmen 2025 | Rang |
|---|---|---|
| SPD | 28,6 % | 1 – Direktmandat |
| AfD | 18,4 % | 2 |
| CDU | 22,2 % | 3 |
| Grüne | 8,6 % | 4 |
| Linke | 5,8 % | 5 |
| Sonstige | 16,4 % | – |
Stoppenberg und Katernberg: Zeche Zollverein als Symbol
Ausgerechnet in diesem Wahlkreis steht eines der bekanntesten Industriedenkmäler der Welt: die Zeche Zollverein, UNESCO-Welterbe seit 2001. Die ehemalige Zeche und Kokerei in Stoppenberg wurde zum Kultur- und Designstandort umgebaut. Doch der Kontrast zwischen dem sanierten Denkmal und den umliegenden Straßenzügen könnte kaum größer sein. Zollverein zieht Touristen aus aller Welt an – die Anwohner profitieren davon nur begrenzt.
SPD hält, AfD wächst
Die SPD gewinnt Essen III seit Jahrzehnten – 2017, 2021, 2025. Doch die Mehrheiten schrumpfen, und die AfD hat sich mit 18,4 Prozent als zweitstärkste Kraft etabliert. Das ist der höchste AfD-Wert in allen drei Essener Wahlkreisen und einer der höchsten in NRW-Großstädten. Die Grünen bleiben mit 8,6 Prozent weit unter ihrem Essener Süd-Ergebnis. Der Wahlkreis 160 ist ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie soziale Lage und Wahlverhalten zusammenhängen.
Lage des Wahlkreises
Wahlkreise in der Nähe
1976: Helmut Kohl fast Kanzler – 4 Wahlkreise trennen ihn von der Macht
Bei der Bundestagswahl 1976 erreichte die CDU/CSU 48,6 Prozent – ihr bisher bestes Ergebnis. Doch die SPD/FDP-Koalition hielt: 253 zu 243 Sitze. Helmut Kohl verlor die Wahl knapp. In 4 Grenzwahlkreisen – Nordhessen, Hagen, Dortmund-West, Aachen – siegten SPD-Kandidaten mit weniger als 1.000 Stimmen Vorsprung. Hätten diese Wahlkreise gedreht, wäre Kohl Kanzler geworden. Stattdessen regierte Schmidt weiter. Kohl wurde erst 1982 durch das konstruktive Misstrauensvotum Kanzler – ohne Wahlsieg. 1983 gewann er dann mit 48,8 Prozent.
Häufige Fragen
Was ist das Nord-Süd-Gefälle in Essen?
Essen ist sozial extrem gespalten. Im Süden liegen die wohlhabenden Viertel mit Villen und hohen Einkommen. Im Norden dominieren ehemalige Bergbausiedlungen mit hoher Arbeitslosigkeit, niedrigen Einkommen und Leerstand. Die Lebenserwartung unterscheidet sich zwischen Nord und Süd um mehrere Jahre.
Warum ist die AfD in Essen III besonders stark?
Hohe Arbeitslosigkeit, ein überdurchschnittlicher Anteil an Transferleistungsempfängern und ein spürbarer Bevölkerungsrückgang schaffen Frustration. Die AfD erreicht in Stadtteilen wie Karnap Werte deutlich über dem NRW-Schnitt – ein Muster, das sich in vielen strukturschwachen Ruhrgebietsvierteln zeigt.
Liegt die Zeche Zollverein in Essen III?
Ja. Das UNESCO-Welterbe Zeche Zollverein befindet sich im Stadtteil Stoppenberg, der zum Wahlkreis 160 gehört. Die ehemalige Zeche ist heute ein Kultur- und Designstandort mit internationaler Strahlkraft.
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