Nach der Flut: Wahlkreis 144 – Euskirchen, Erftstadt und die Eifel
14. Juli 2021, gegen 23 Uhr. In Erftstadt-Blessem bricht eine Kiesgrube unter den Wassermassen ein. Häuser rutschen in den Krater, Straßen verschwinden im Schlamm. Die Bilder gehen um die Welt. Über 40 Menschen sterben allein im Kreis Euskirchen. Knapp zwei Monate später gehen die Überlebenden wählen – viele in provisorischen Wahllokalen, weil die eigentlichen zerstört sind.
Die Flutkatastrophe hat den Wahlkreis 144 verändert. Nicht in seiner politischen Grundfarbe – die CDU hielt 2021 und 2025 das Direktmandat mit 36,4 Prozent –, aber im Verhältnis der Bürger zur Politik. Wer erlebt hat, wie langsam Hilfe fließt und wie bürokratisch Wiederaufbau ist, vertraut nicht mehr blind.
Key-Facts: Wahlkreis 144
- Wahlkreis-Nr.: 144
- Name: Euskirchen – Rhein-Erft-Kreis II
- Bundesland: Nordrhein-Westfalen
- Gemeinden: Euskirchen, Erftstadt, Mechernich, Zülpich, Bad Münstereifel, Weilerswist, Schleiden
- CDU 2025: 36,4 % | Gewinner seit 2017: CDU
- Prägung: Konservativ-ländlich, Eifel, Flutgebiet
Die Eifel: Katholisch, ländlich, konservativ
Der westliche und südliche Teil des Wahlkreises gehört zur Eifel – einem Mittelgebirge, das sich von NRW über Rheinland-Pfalz bis nach Belgien erstreckt. Mechernich, Bad Münstereifel, Schleiden – das sind Gemeinden mit Fachwerkhäusern, Burgruinen und Wanderwegen. Die Eifel ist katholisch geprägt, die Schützenvereine und Karnevalsvereine sind aktiv, Landwirtschaft und Tourismus sind wichtige Wirtschaftszweige. Diese Struktur wählt CDU – seit Generationen.
Bad Münstereifel verdient besondere Erwähnung: Die mittelalterliche Kleinstadt mit ihrer vollständig erhaltenen Stadtmauer hat sich mit einem Designer-Outlet als Touristenziel neu erfunden. Die Flut 2021 zerstörte die Innenstadt massiv – der Wiederaufbau zog sich über Jahre.
Erftstadt: Die Stadt, die die Flut definierte
Erftstadt (rund 51.000 Einwohner) liegt im östlichen Teil des Wahlkreises, näher an Köln. Der Ortsteil Blessem wurde zum Symbol der Flutkatastrophe. Auch 2026 sind die Spuren sichtbar: Brachflächen, wo Häuser standen, provisorische Brücken, Bauzäune. Die Wiederaufbauhilfe von Bund und Land – 30 Milliarden Euro für NRW und Rheinland-Pfalz zusammen – fließt, aber langsamer als versprochen. Die Bürokratie der Antragsverfahren ist ein ständiges Ärgernis.
| Partei | Erststimmen 2025 | Rang |
|---|---|---|
| CDU | 36,4 % | 1 – Direktmandat |
| SPD | 19,4 % | 2 |
| AfD | 14,2 % | 3 |
| Grüne | 10,6 % | 4 |
| FDP | 7,4 % | 5 |
| Sonstige | 12,0 % | – |
Der Hochwasserschutz als politisches Thema
Seit der Flut ist Hochwasserschutz im Wahlkreis 144 kein abstraktes Umweltthema mehr, sondern existenziell. Die Steinbachtalsperre bei Euskirchen drohte 2021 zu brechen – 4.500 Menschen wurden evakuiert. Die Diskussion über Talsperren-Sicherheit, Flächenversiegelung und Klimaanpassung ist seither eine lokale Dauerdebatte. Für die Grünen müsste das ein Gewinnerthema sein – doch in der konservativ-ländlichen Eifel kommen ihre Botschaften weniger an als in den Großstädten.
Euskirchen und Zülpich
Die Kreisstadt Euskirchen (rund 59.000 Einwohner) ist das Versorgungszentrum der Region: Kreishaus, Amtsgericht, Krankenhaus. Zülpich, die „Römerstadt“ mit ihren antiken Thermen, verbindet Tourismus mit einem mittelständisch geprägten Gewerbe. In beiden Städten ist die CDU-Dominanz so ausgeprägt, dass die SPD keine realistische Chance auf das Direktmandat hat – selbst in bundesweiten SPD-Jahren wie 2021 nicht.
Lage des Wahlkreises
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2009: Schwarz-Gelbe Mehrheit – FDP-Hochzeit mit 14,6 Prozent
Die Bundestagswahl 2009 war der Triumph der FDP: 14,6 Prozent – das beste Ergebnis in der Geschichte der Partei. Guido Westerwelle wollte Kanzler werden, wurde Vizekanzler. CDU/CSU (33,8 Prozent) + FDP bildeten eine Mitte-Rechts-Koalition. Die SPD kollabierte auf 23,0 Prozent – ihr schlechtestes Ergebnis seit 1949. Die Grünen wuchsen auf 10,7 Prozent. Die Linke hielt sich mit 11,9 Prozent. Während die FDP bundesweit glanzvolle Zweitstimmen-Ergebnisse holte, gewann sie kein einziges Direktmandat – das Kennzeichen einer reinen Listenpartei. Vier Jahre später war sie aus dem Bundestag.
Häufige Fragen
Was geschah bei der Flutkatastrophe 2021 in Erftstadt-Blessem?
Am 14. Juli 2021 führten extreme Regenfälle zu katastrophalen Überflutungen. In Blessem brach eine Kiesgrube ein und riss Häuser mit sich. Über 40 Menschen starben im Kreis Euskirchen, die Schäden beliefen sich auf mehrere Milliarden Euro.
Warum wählt die Eifel so konservativ?
Die Eifel ist ländlich, katholisch geprägt und hat eine starke Vereinskultur. Landwirtschaft und Tourismus prägen die Wirtschaft. Diese Struktur begünstigt konservative Parteien seit Generationen.
Wie steht es um den Wiederaufbau nach der Flut?
Der Wiederaufbau ist auch 2026 nicht abgeschlossen. Rund 12.000 Gebäude wurden beschädigt. Die Wiederaufbauhilfe fließt, aber Bürokratie verlangsamt die Auszahlung erheblich.
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