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Geschichte der Linken — SED, PDS, WASG, Gysi, Lafontaine

Key-Facts: Geschichte der Linken

  • Gründung: 16. Juni 2007 (Fusion PDS + WASG)
  • Vorgänger: SED (1946–1989), PDS (1989–2007), WASG (2005–2007)
  • Erste Vorsitzende: Bisky & Lafontaine
  • Schlüsselfiguren: Gregor Gysi, Oskar Lafontaine, Lothar Bisky, Sahra Wagenknecht
  • Spaltung 2024: Abspaltung des BSW unter Wagenknecht

SED, PDS, WASG, Linke, BSW-Spaltung — keine deutsche Partei wurde so oft umbenannt, fusioniert und gespalten wie diese hier. Sieben Namen in acht Jahrzehnten, dazu Zwischenstufen wie „Linkspartei.PDS“, die in keiner offiziellen Chronik so recht Platz finden. Was sich durch alle Verwandlungen zieht: Die Organisation hat jedes Mal überlebt, wenn Beobachter sie bereits abgeschrieben hatten. Mal als Diktaturpartei, mal als ostdeutsche Nischengruppe, mal als gesamtdeutsches Projekt. Zuletzt als halbierte Restpartei, die bei der Bundestagswahl 2025 nur noch 3,8 Prozent holte — und damit zum ersten Mal seit 1990 ohne Bundestagsmandat blieb.

Das ist nicht einfach Geschichte. Es ist ein Muster.

Die SED: Vierzig Jahre an der Macht (1946–1989)

Am Anfang stand Zwang. Die SED entstand 1946 aus der erzwungenen Verschmelzung von SPD und KPD in der Sowjetischen Besatzungszone. Vierzig Jahre lang kontrollierte sie die DDR nach dem Prinzip des demokratischen Zentralismus — Staat, Wirtschaft, Medien, Justiz, alles in einer Hand. Es war eine Partei mit 2,3 Millionen Mitgliedern und unbeschränkter Macht. Bis zu jenem Herbst, in dem die Macht in wenigen Wochen verdunstete.

Die Massendemonstrationen im Oktober und November 1989 ließen der Führung zwei Optionen: Selbstauflösung oder Radikalreform. Sie wählte Letzteres — und einen neuen Vorsitzenden: Gregor Gysi, 41, Rechtsanwalt, rhetorisch begabt, ein anderer Menschentyp als die greisen Funktionäre, die gerade abgetreten waren. Im Dezember 1989 wurde die Partei in SED-PDS umbenannt. Ein Kürzel, das den Bruch signalisieren sollte, ohne die Kontinuität zu kappen.

Die PDS: Das unwahrscheinliche Überleben (1990–2005)

Ab Februar 1990 hieß sie nur noch Partei des Demokratischen Sozialismus. Die Aufgabe war gewaltig: beweisen, dass aus einer Diktaturpartei eine demokratische Kraft werden kann. Die meisten Beobachter gaben ihr dafür höchstens zwei Legislaturperioden.

Wählerinnen und Wähler im Wahllokal bei der Stimmabgabe — Demokratie in Deutschland
Im Wahllokal: Bürgerinnen und Bürger geben ihre Stimme ab.

Sie bekamen eine falsche Prognose. Im Westen blieb die PDS bedeutungslos — SED-Stigma, Stasi-Verdacht, null Struktur. Aber im Osten füllte sie ein Vakuum, das die westdeutschen Parteien nicht füllen konnten und oft nicht füllen wollten. Millionen Ostdeutsche, deren Lebenswege nach der Wiedervereinigung als defizitär eingestuft wurden, fanden in der PDS eine politische Heimat. 1998 knackte die Partei erstmals die Fünf-Prozent-Hürde. In Mecklenburg-Vorpommern regierte sie ab 1998 mit der SPD, in Berlin ab 2002.

Dann der Absturz: Bei der Bundestagswahl 2002 nur 4,0 Prozent, zwei Direktmandate, kein Fraktionsstatus. Die PDS schien erledigt. Was folgte, war keine interne Erholung — sondern Hilfe aus völlig unerwarteter Richtung.

Die WASG: Zorn aus dem Westen (2004–2007)

Im Januar 2005 gründeten enttäuschte SPD-Mitglieder und Gewerkschafter die WASG — Wahlalternative Arbeit & soziale Gerechtigkeit. Ihr Antrieb: die Wut über Gerhard Schröders Hartz-IV-Reformen. Das war kein ostdeutsches Phänomen. Die Agenda 2010 traf Millionen Menschen beiderseits der Elbe, und der Zorn suchte ein Ventil.

Das Ventil bekam im Mai 2005 ein prominentes Gesicht. Oskar Lafontaine, ehemaliger SPD-Chef und Bundesfinanzminister, verließ seine alte Partei und schloss sich der WASG an. Von einem Tag auf den anderen hatte die neue Gruppierung Medienzugang, Glaubwürdigkeit und einen Spitzenkandidaten, den das ganze Land kannte. Die vorgezogene Bundestagswahl 2005 brachte der Listenverbindung aus PDS und WASG 8,7 Prozent. Die Idee der Fusion war geboren.

Phase Zeitraum Ereignis Zentrale Figur
SED 1946–1989 Staatspartei der DDR Honecker, Krenz
PDS-Gründung 1989–1990 Umbenennung, Neuausrichtung Gregor Gysi
PDS im Bundestag 1990–2005 Ostdeutsche Interessenpartei Gysi, Bisky
WASG-Gründung 2004–2005 Protest gegen Agenda 2010 Oskar Lafontaine
Linksfraktion 2005–2007 Gemeinsame Bundestagsfraktion Gysi & Lafontaine
Fusion 16. Juni 2007 PDS + WASG = Die Linke Bisky & Lafontaine
BSW-Spaltung 2024 Wagenknecht-Flügel spaltet sich ab Sahra Wagenknecht

Die Fusion: Ein Experiment mit Verfallsdatum (2007)

Am 16. Juni 2007 wurde aus der taktischen Kooperation eine Partei. Lothar Bisky und Oskar Lafontaine übernahmen die Doppelspitze — Bisky als ostdeutscher Vermittler, Lafontaine als westdeutscher Polarisierer. Die neue Partei hieß schlicht: Die Linke.

Was sie vereinte: die Überzeugung, dass der Kapitalismus in seiner gegenwärtigen Form ungerecht sei. Was sie trennte: fast alles andere. Die PDS brachte ostdeutsche Infrastruktur mit — Tausende Mitglieder, Kreisverbände in jeder Kleinstadt, kommunalpolitische Erfahrung. Die WASG brachte westdeutschen Gewerkschaftsprotest mit, aber kaum Strukturen. Die einen verstanden sich als pragmatische Regionalpartei, die anderen als Bewegung gegen den Sozialabbau. Beide mussten nun in denselben Ortsverein passen.

Abgeordnete im Gespräch im Flur des Bundestags
Die Fusion von PDS und WASG vereinte ostdeutsche und westdeutsche linke Traditionen unter einem Dach.

Aufstieg: 11,9 Prozent und ein Ministerpräsident

Eine Zeit lang funktionierte das Experiment. Die Bundestagswahl 2009 brachte 11,9 Prozent — historischer Rekord. In Thüringen wurde 2014 Bodo Ramelow zum Ministerpräsidenten gewählt, der erste einer Linke-Politikerin oder eines Linke-Politikers in diesem Amt. Der Pragmatiker aus dem Westen, der im Osten regierte, wurde zum Symbol für das, was die Partei sein wollte: anschlussfähig, verantwortungsvoll, trotzdem links.

Die Wahlergebnisse blieben solide. In Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen war die Linke an Regierungen beteiligt. Im Bundestag stellte sie zuverlässig die drittstärkste Fraktion. Es sah aus wie Konsolidierung.

Zerfall: Flügelkampf, AfD, Spaltung (2017–2024)

Es war keine Konsolidierung. Ab 2017 fragte die Partei sich selbst: Wofür stehen wir eigentlich? Die Antworten liefen auseinander. Sahra Wagenknecht kritisierte offene Grenzen als sozialpolitisch fahrlässig. Die Parteilinke sah in Wagenknechts Migrationskritik eine Anbiederung nach rechts. Es ging um Gender-Sprache, um Russland, um Corona, um alles gleichzeitig. Die Wahlergebnisse fielen: 9,2 Prozent 2017, dann 4,9 Prozent 2021 — nur drei Direktmandate retteten die Fraktion.

Im Januar 2024 gründete Wagenknecht das BSW. Zehn Abgeordnete gingen mit, 15.000 Mitglieder, ein großer Teil der ostdeutschen Stammwählerschaft. Die Linke verlor den Fraktionsstatus. Bei den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen stürzte sie ab. Die Partei, die schon 2002 totgesagt worden war, stand wieder vor dem Nichts.

Bei der Bundestagswahl 2025 erzielte Die Linke nur 8,8 Prozent — ein starkes Comeback nach dem BSW-Split. Kein Comeback, sondern ein weiterer Absturz. Die Partei ist im 21. Bundestag nicht vertreten. Der Rhythmus von Absturz und Comeback, den die Geschichte der PDS und frühen Linken prägte, hat 2025 keine Fortsetzung gefunden. Ob die neue Führung unter van Aken und Schwerdtner die Partei bei der nächsten Wahl wieder über die 5%-Hürde bringt, ist im Frühjahr 2026 offen.

1990: PDS gegründet – 2,4 Millionen SED-Mitglieder werden von einem Tag auf den nächsten zu einer neuen Partei

Am 4. Februar 1990 wurde die Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) als Nachfolger der SED gegründet. Die SED hatte zum Zeitpunkt des Mauerfalls 2,3 Millionen Mitglieder – in einem Land mit 16 Millionen Einwohnern. Innerhalb von sechs Monaten schrumpfte die PDS auf rund 300.000 Mitglieder. Den Rest hatte die DDR-Aufloesung, Scham oder politischer Pragmatismus verdraengt. Dennoch zog die PDS bei der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl am 2. Dezember 1990 mit 2,4 Prozent West, 11,1 Prozent Ost ein – und rettete sich durch vier Direktmandate in den Bundestag.

2024–2025: Das Ende einer parlamentarischen Kraft – Spaltung, Austritt, Verschwinden

Januar 2024: Sahra Wagenknecht verlässt die Linke und gründet das BSW — mit ihr gehen 10 von 38 Fraktionsmitgliedern. Die Linke verliert ihre Fraktionsstärke im 20. Bundestag. Europawahl 2024: 2,7 Prozent — alle 5 EU-Mandate weg. Bundestagswahl 2025: 3,8 Prozent — keine 5%-Hürde, keine 3 Direktmandate. Ergebnis: Die Linke ist im 21. Bundestag nicht vertreten. Nach 16 Jahren parlamentarischer Präsenz — von der PDS über WASG zur Linken — endet die Geschichte dieser Partei als Bundestagsfraktion. Was bleibt, sind Landesverbände und die Frage, ob Die Linke sich erneuern kann oder Geschichte ist.

Häufige Fragen

Wann wurde Die Linke gegründet?

Die Partei Die Linke wurde am 16. Juni 2007 durch die Fusion von PDS und WASG gegründet. Die Wurzeln reichen über die PDS bis zur SED der DDR zurück.

Welche Rolle spielten Gysi und Lafontaine?

Gregor Gysi führte die PDS als prominenteste Figur durch die Nachwendezeit. Oskar Lafontaine verließ 2005 die SPD und wurde WASG-Frontmann. Beide wurden zur Doppelspitze der Linksfraktion und symbolisierten die Ost-West-Brücke.

Was war die PDS?

Die PDS (Partei des Demokratischen Sozialismus) war die Nachfolgepartei der SED. Sie wurde im Dezember 1989 gegründet und vertrat vor allem ostdeutsche Interessen im wiedervereinigten Deutschland.

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SonntagsfrageCDU/CSU24,0%SPD13,0%Grüne13,8%AfD26,3%BSW3,8%FDP3,8%Linke10,3%YouGov · 15.04.BTW 2025CDU/CSU28,5%SPD20,5%Grüne11,6%AfD20,8%BSW5,0%FDP4,3%Linke3,8%Welt Politik USA schicken laut Bericht weiteren Flugzeugträger und 10.000 Soldaten in den Nahen OstenWelt Politik Bürgergeldempfänger benachteiligt – „Auch in Veränderungszeiten muss es Gerechtigkeit geben“FAZ Politik China und die USA: So stark belastet der Irankrieg die Beziehung zwischen Trump und XiFAZ Politik Südafrika ernennt Botschafter: Erfahrener Verhandler soll die Beziehung zu Trump rettenWelt Politik Wahlkampf trotz Krankschreibung – SPD-Politikerin verkündet RückzugSpiegel Politik Zukunftsängste: Es ist gar nicht so leicht, ein Mensch zu sein (und zu bleiben) - MeinungFAZ Politik Paragraph gegen Hassrede: Höhere Strafe, weil der Beleidigte ein Politiker istSpiegel Politik Produkthaftung: Dieses Gesetzes-Update dürfte Verbrauchern gefallenTagesschau Warkens Sparpaket: Was auf Patienten zukommen könnteTagesschau Bund plant höhere Beamtenbesoldung - Milliardenkosten trotz Spardruck

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