Linke-BSW-Spaltung — Wagenknechts Abgang, Folgen, Doppelstruktur
Key-Facts: Linke-BSW-Spaltung
- BSW-Gründung: 8. Januar 2024
- Austritt Wagenknecht: Oktober 2023 (Fraktion), Dezember 2023 (Partei)
- Mitgehende MdB: 10 Bundestagsabgeordnete wechselten zum BSW
- Fraktionsstatus Linke: Verloren (unter 37 Sitze gefallen)
- Mitgliederverlust: Ca. 15.000 Mitglieder verließen die Linke
Oktober 2023: Zehn Abgeordnete stehen auf und gehen. Die Linke verliert ihre Fraktion, ihre bekannteste Politikerin und in den folgenden Monaten 15.000 Mitglieder. Es ist der einschneidendste Moment in der Parteigeschichte seit der Fusion 2007 — nur dass die Fusion die Partei verdoppelte und die Spaltung sie halbierte.
Was am 23. Oktober 2023 mit einer Pressekonferenz begann, war in Wahrheit das Ende eines Konflikts, der über Jahre eskaliert war. Sahra Wagenknecht hatte sich nicht plötzlich entschieden zu gehen. Sie hatte Jahre damit verbracht, die Bedingungen ihres Abgangs vorzubereiten — und die Partei hatte Jahre damit verbracht, so zu tun, als ließe sich der Bruch noch verhindern.
Die Vorgeschichte: Vier Konflikte, ein Ergebnis
Migration war der älteste Streitpunkt. Wagenknecht vertrat seit 2015 die Position, dass ungesteuerte Zuwanderung den Niedriglohnsektor belaste und die Akzeptanz des Sozialstaats untergrabe. Die Parteimehrheit setzte auf offene Grenzen und Solidarität. Beide Seiten hatten Argumente. Keine Seite war bereit, der anderen zuzuhören.
Identitätspolitik war der toxischste. Wagenknecht sprach von einer „Lifestyle-Linken“, die Gender-Sprache und postkoloniale Seminare über die Nöte von Niedriglohnarbeitern stelle. Die Gegenseite sah in Wagenknechts Rhetorik eine Anbiederung an konservative bis rechte Milieus. Der Konflikt vergiftete Parteitage, Fraktionssitzungen und Talkshow-Auftritte gleichermaßen.
Ukraine und NATO verschärften den Riss nach dem russischen Angriff 2022. Wagenknecht forderte ein Ende der Waffenlieferungen und Verhandlungen mit Moskau. Die „Aufstand für Frieden“-Demonstration, die sie im Februar 2023 gemeinsam mit Alice Schwarzer organisierte, brachte das Fass zum Überlaufen: Die eigene Parteiführung distanzierte sich öffentlich von ihrer bekanntesten Abgeordneten.
Corona war der letzte Katalysator. Wagenknechts Skepsis gegenüber Impfpflicht und Maßnahmen brachte sie in die Nähe von Positionen, die in der Linken als rechtsaußen-kompatibel galten. Die Partei distanzierte sich erneut. Wagenknecht dachte nicht daran, zurückzurudern.
Der Bruch: 88 Tage, die eine Partei zerlegten
Am 23. Oktober 2023 trat Wagenknecht vor die Kameras und kündigte die Gründung des Vereins „Bündnis Sahra Wagenknecht — Vernunft und Gerechtigkeit“ an. Neun weitere Bundestagsabgeordnete traten mit ihr aus der Fraktion. Schlag: Die Linke fiel unter die Mindestzahl von 37 Abgeordneten. Der Fraktionsstatus war weg.
Im Dezember folgte der Parteiaustritt. Am 8. Januar 2024 wurde das BSW als Partei gegründet. In den folgenden Wochen wechselten Landespolitiker, Kreisverbände, ganze Ortsgruppen. 15.000 Mitglieder verließen die Linke — nicht alle zum BSW, manche einfach nirgendwohin. Die Mitgliederzahl sank von 55.000 auf unter 45.000.
| Streitpunkt | Position Wagenknecht / BSW | Position Linke-Mehrheit |
|---|---|---|
| Migration | Begrenzung, Sozialstaat schützen | Offene Grenzen, Solidarität |
| Ukraine/NATO | Verhandlungen, keine Waffen | Teils Waffen, teils Verhandlungen |
| Identitätspolitik | Ablehnung, Fokus auf Klasse | Integration feministischer/queerer Themen |
| Corona-Maßnahmen | Kritisch, gegen Impfpflicht | Überwiegend solidarisch |
| Russland | Dialog, gegen Sanktionen | Verurteilung, Sanktionen mehrheitlich ja |
| Parteiführung | Persönliche Führung (Wagenknecht) | Kollektive Führung, Doppelspitze |
Was die Spaltung zerstörte
Der Fraktionsstatus war der unmittelbarste Verlust. Ohne Fraktion verlor die Linke im Bundestag Redezeit, Ausschusssitze, Mitarbeiterstellen und rund 10 Millionen Euro jährlich an staatlichen Mitteln. Was blieb, war eine „Gruppe“ mit deutlich eingeschränkten Rechten — parlamentarisch ein Schatten.
Die Wähler folgten dem Geld und den Gesichtern. Bei den Landtagswahlen 2024 in Brandenburg fiel die Linke von 10,7 auf 3,0 Prozent. In Sachsen von 10,4 auf 4,5. In Thüringen von 31,0 auf 13,1. Das BSW erreichte auf Anhieb zweistellige Ergebnisse — es hatte die ostdeutsche Stammwählerschaft mitgenommen, die die Linke über Jahrzehnte aufgebaut hatte.
Linke und BSW: Zwillinge, die sich nicht kennen wollen
Auf dem Papier ähneln sich die beiden Parteien stärker, als ihre Anhänger zugeben möchten. Beide fordern soziale Gerechtigkeit, Frieden, höhere Löhne, Kritik an der neoliberalen Wirtschaftspolitik. Der Unterschied liegt in der Gesellschaftspolitik: Die Linke ist links-progressiv — wirtschaftlich und kulturell links. Das BSW ist linkskonservativ — wirtschaftlich links, gesellschaftlich eher traditionell. Restriktivere Migrationspolitik, Skepsis gegenüber Identitätspolitik, NATO-Kritik mit einer deutlicheren Moskau-Sympathie.
Politikwissenschaftlich ist das BSW ein Phänomen: eine Partei, die in einem politischen Raum operiert, den in Deutschland niemand besetzt hatte — ökonomisch links, kulturell konservativ. Es erklärt, warum die Spaltung nicht bloß ein Personalstreit war, sondern ein genuiner Konflikt über die Frage, was „links“ im 21. Jahrhundert bedeutet.
Der Neuanfang: Van Aken, Schwerdtner, und die Frage nach dem Wiedereinzug
Im Oktober 2024 wählte die Partei Jan van Aken und Ines Schwerdtner an die Spitze. Beide stehen für eine Strategie, die aus der Not eine Tugend macht: Statt den Verlust der Wagenknecht-Wähler zu betrauern, richten sie sich an die verbliebene Basis — junge Urbane, Mieterbewegung, Klimaaktivisten, Gewerkschaftslinke. Weniger Flügelkampf, klarere Botschaften.
Die Bundestagswahl 2025 zeigte, wie weit die Partei noch von einer Erholung entfernt war: 3,8 Prozent, kein Direktmandat, nicht im 21. Bundestag. Es war das schlechteste Bundestagsergebnis der Parteigeschichte — zum ersten Mal seit 1990 sitzt keine PDS- oder Linke-Nachfolgerin im Deutschen Bundestag. Die Frage nach dem Neuanfang stellt sich daher nicht innerhalb des Parlaments, sondern außerhalb.
Oktober 2023: Sahra Wagenknecht kündigt Austritt an – und nimmt ein Drittel der Fraktion mit
Am 23. Oktober 2023 erklärte Sahra Wagenknecht öffentlich, die Linke verlassen zu wollen. Sie nahm 9 von 28 Bundestagsabgeordneten mit. Die Linke-Fraktion sank unter die Mindestgröße von 5 Prozent der Mitglieder und verlor damit ihren Status als Fraktion – und damit Ausschusssitze, Redezeiten und Mitarbeiterstellen. Gleichzeitig kündigten in mehreren Landesparlamenten weitere Abgeordnete ihren Austritt an. Die Linke verlor in einem Monat rund ein Drittel ihrer parlamentarischen Vertreter auf allen Ebenen. Es war die größte Spaltung einer deutschen Parlamentspartei seit der PDS-Gründung 1990.
Folgen der Spaltung: Die Linke außerparlamentarisch, BSW fast auch
Die Abspaltung des BSW im Januar 2024 hatte dramatische Konsequenzen: Die Linke verlor sofort ihren Fraktionsstatus und damit Redezeit, Ausschussmitglieder und Finanzierung. Sahra Wagenknecht – die prominenteste Aushängeschild der Partei – nahm einen Teil der Wählerschaft mit ins BSW. Bei der Bundestagswahl 2025 scheiterte Die Linke mit 3,8 Prozent vollständig. Das BSW kam mit 4,97 Prozent und 2 Direktmandaten gerade noch als Gruppe in den Bundestag. Beide Parteien zusammen hatten 2021 als Die Linke noch 39 Sitze und eine Fraktion. Heute sitzen die Nachfolger auf den Trümmern einer Spaltung, die beiden geschadet hat.
Häufige Fragen
Warum hat sich Sahra Wagenknecht von der Linken getrennt?
Wagenknecht war in fundamentalem Konflikt mit der Parteiführung über Migrationspolitik, NATO/Ukraine, Identitätspolitik und Corona-Maßnahmen. Sie gründete im Januar 2024 das BSW als eigene Partei.
Was hat die BSW-Spaltung für Die Linke bedeutet?
Die Folgen waren schwer: Verlust des Fraktionsstatus, Abwanderung von rund 15.000 Mitgliedern, Einbruch bei den Landtagswahlen 2024 in Ostdeutschland und der Verlust der bekanntesten Politikerin.
Wann wurde das BSW gegründet?
Das Bündnis Sahra Wagenknecht wurde am 8. Januar 2024 offiziell als Partei gegründet. Bereits im Oktober 2023 hatte Wagenknecht den Verein als Vorstufe ins Leben gerufen.
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