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Politikerin am Mikrofon im Plenarsaal des Bundestags

BSW Gründung — Abspaltung von der Linken, Januar 2024

Key-Facts: BSW-Gründung

  • Vereinsgründung: 8. Januar 2024
  • Gründungsparteitag: 27. Januar 2024 (Berlin, Kosmos-Gebäude)
  • Gründungsmitglieder: Rund 450
  • Bundestagsabgeordnete: 10 (zuvor Linksfraktion)
  • Vorsitzende: Sahra Wagenknecht und Amira Mohamed Ali
  • Herkunft: Abspaltung von Die Linke

Am 8. Januar 2024, um 10 Uhr morgens, gründete sich in Berlin eine Partei, die es eigentlich nicht geben dürfte. Die Lehrmeinung der deutschen Politikwissenschaft ist in diesem Punkt erstaunlich eindeutig: Abspaltungen scheitern. Von Schill über die Blaue Partei bis zum Aufbruch Deutscher Patrioten — die Geschichte der Bundesrepublik ist ein Friedhof gescheiterter Parteineugründungen. Die meisten überlebten nicht einmal ihre erste Wahl.

Das Bündnis Sahra Wagenknecht hat sich an keine dieser Regeln gehalten. Fünf Monate nach der Gründung: Europäisches Parlament. Acht Monate: drei Landtage. Dreizehn Monate: Bundestag. In Brandenburg regierte die Partei mit, bevor sie ihren ersten Geburtstag feierte. Was am 8. Januar in einem Berliner Büro begann, ist zur schnellsten Erfolgsgeschichte einer deutschen Parteigründung seit 1945 geworden.

Ein Bruch, der Jahre brauchte

Die Gründung selbst dauerte einen Vormittag. Die Vorgeschichte brauchte ein halbes Jahrzehnt. Die Spannungen zwischen Sahra Wagenknecht und der Führung der Linken reichen bis in die späten 2010er-Jahre zurück, als drei Streitfragen immer tiefer in die Parteisubstanz schnitten: Migration, Identitätspolitik, Ukraine.

Wagenknechts Position war dabei konsistent unbequem. Für wen macht linke Politik? Für die Kassiererin im Supermarkt, sagte sie. Für alle, sagte die Partei. Das klingt nach einem lösbaren Konflikt. Es war keiner. Hinter der Frage standen zwei völlig verschiedene Vorstellungen davon, was „links“ im 21. Jahrhundert bedeutet. Die eine Seite wollte Klassenpolitik. Die andere wollte Vielfalt. Als Wagenknecht 2018 ihre Sammlungsbewegung „Aufstehen“ startete und die Parteiführung sie systematisch torpedierte, war das Tischtuch zerschnitten. Was danach kam, war nur noch eine Frage der Zeit — und des richtigen Moments.

Montag: Verein. Samstag: Partei.

Die Mechanik der Gründung war präzise wie ein Uhrwerk und lief in zwei Akten ab. Am 8. Januar 2024 entstand der Verein „BSW – Für Vernunft und Gerechtigkeit e.V.“ — ein juristischer Zwischenschritt, der Konten, Satzung und den geschlossenen Übertritt von zehn Bundestagsabgeordneten aus der Linksfraktion ermöglichte. Die Übergetretenen verloren ihren Fraktionsstatus. Sie verloren Mitarbeiter, Büros, Redezeit. Wer mitging, riskierte seine parlamentarische Existenz.

Neunzehn Tage später, am 27. Januar 2024, der Gründungsparteitag. Ort: das Kosmos-Gebäude in Berlin-Friedrichshain — ein ehemaliges DDR-Kino, das allein als Kulisse eine Botschaft transportierte. 400 Delegierte verabschiedeten das Programm. Wagenknecht und Amira Mohamed Ali übernahmen den Vorsitz. Was von außen wie eine improvisierte Neugründung aussah, war minutengenau choreografiert.

Datum Ereignis Bedeutung
23.10.2023 Wagenknecht kündigt Parteigründung an Ende der Zugehörigkeit zur Linken
08.01.2024 Vereinsgründung BSW e.V. Juristische Grundlage, 10 MdB treten über
27.01.2024 Gründungsparteitag Berlin Programm, Satzung, Vorstandswahl
09.06.2024 Europawahl 6,2 % – erster Wahlerfolg, 6 EU-Mandate
01.09.2024 Landtagswahlen Sachsen und Thüringen 11,8 % (SA) und 15,8 % (TH)
22.09.2024 Landtagswahl Brandenburg 13,5 % der Stimmen
23.02.2025 Bundestagswahl 4,97 % – knapp unter 5 %, Gruppe mit 2 Sitzen

Der Aderlass bei der Linken

Für die Linke war die BSW-Gründung chirurgisch. Zehn Abgeordnete weniger bedeutete: unter die Mindestgröße von 37 Sitzen. Verlust des Fraktionsstatus. Weniger Redezeit, weniger Geld, weniger parlamentarische Rechte. In den Umfragen: 3 Prozent. Existenzkrise in Echtzeit.

Die Wunde ging tiefer als Mandate. Die Linke verlor mit Wagenknecht ihre medienwirksamste Figur. Mit Sevim Dagdelen und Klaus Ernst gingen erfahrene Parlamentarier, die die Partei mitaufgebaut hatten. Und mit den ostdeutschen Stammwählern, die dem BSW folgten, verschwand ein erheblicher Teil dessen, was „Basis“ einmal bedeutet hatte. Bei den Landtagswahlen im Herbst zeigte sich das ganze Ausmaß: In Brandenburg fiel die Linke auf 3 Prozent. Die Partei, die einmal in ostdeutschen Ländern den Ministerpräsidenten stellte, rang plötzlich ums Überleben.

Politische Rede vor Publikum auf einem öffentlichen Platz
Das BSW mobilisierte von Beginn an auf öffentlichen Veranstaltungen und setzte auf die Bekanntheit seiner Gründerin.

Wer mitging — und warum

Neben Wagenknecht gehörten bekannte Köpfe zu den Gründern. Amira Mohamed Ali, zuvor Fraktionsvorsitzende der Linken, wurde Co-Chefin. Klaus Ernst, der 2005 die WASG mitgegründet hatte und später die Linke aufbauen half, kam ebenfalls — derselbe Mann, der eine Partei hochgezogen hatte, half nun beim Abriss der nächsten. Dazu Sevim Dagdelen, Alexander Ulrich, Jessica Tatti.

Auffällig war, was fehlte: Breite. Mit 450 Mitgliedern startete das BSW schlanker als mancher Tennisverein. Die Aufnahme neuer Mitglieder lief nicht automatisch, sondern über ein Zustimmungsverfahren des Vorstands. Bewusst so gewählt. Wagenknecht hatte aus der Linken gelernt, was unkontrollierbare Basisstrukturen anrichten: Flügelkämpfe, Blockaden, Zerfall. Das BSW sollte eine Partei sein, die handlungsfähig bleibt, weil die Kontrolle nie aus der Hand gegeben wird. Ob man das effizient nennt oder autoritär, hängt vom Standpunkt ab.

Die offene Flanke: Was nach Wagenknecht kommt

Die zentralistische Struktur ist Stärke und Schwachstelle zugleich. Wagenknechts Talkshow-Präsenz, ihre Bücher, ihre YouTube-Reichweite — das ist Parteikapital, das kein Landesverband ersetzen kann. Aber es schafft eine Abhängigkeit, die selbst BSW-interne Kritiker als Klumpenrisiko bezeichnen. Was passiert mit einer Partei, die den Namen ihrer Gründerin im Titel trägt, wenn diese Gründerin nicht mehr antritt?

Noch ist die Frage theoretisch. Die Wahlergebnisse sprechen dafür, dass das Modell funktioniert — vorerst. Aber die Geschichte der Bundesrepublik kennt keinen Fall, in dem eine Personenpartei ihre Gründungsfigur überlebt hat. Das BSW wird irgendwann beweisen müssen, dass es mehr ist als eine Wagenknecht mit Parteistruktur.

Januar 2024: BSW gegründet – schnellster Einzug einer neuen Partei in den Bundestag der Geschichte

Am 8. Januar 2024 wurde das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) als Partei gegründet. Sahra Wagenknecht und 9 weitere Bundestagsabgeordnete hatten die Linke verlassen. Vier Monate später, bei der Europawahl am 9. Juni 2024, erhielt das BSW 6,2 Prozent – auf Anhieb sechs Sitze im Europaparlament. Im September gewann das BSW bei den Landtagswahlen in Sachsen (11,8%), Thüringen (15,8%) und Brandenburg (13,5%). Bei der Bundestagswahl am 23. Februar 2025: 4,97 Prozent – haarscharf unter der Fünf-Prozent-Hürde, aber dank zwei gewonnener Direktwahlkreise im Bundestag vertreten (als Gruppe, nicht als Fraktion). Von null auf Bundestag in 13 Monaten.

2025: Was bleibt vom BSW nach dem Bundestagswahlkampf?

Mit 4,97 Prozent und nur 2 Sitzen im 21. Bundestag steht das BSW vor einer Existenzfrage. Die Partei war von Anfang an auf Wagenknecht zugeschnitten – ihr Gesicht, ihr Name, ihre Medienpräsenz. Als Gruppe (nicht Fraktion) hat das BSW eingeschränkte parlamentarische Rechte: weniger Redezeit, keine eigenen Ausschussvorsitze, kaum Mitarbeiterressourcen. Die Landeskoalitionen in Thüringen (CDU+BSW+SPD) und Brandenburg (SPD+BSW) laufen weiter. Aber die Frage, ob BSW ohne Bundestagsfraktion politisch sichtbar bleibt, ist unbeantwortet. Parteien, die auf eine Person setzen, überleben diese selten.

2007: Die Linke entsteht – von PDS und WASG zur gesamtdeutschen Partei

Die Linkspartei PDS (2005) und die WASG (Wahlalternative Soziale Gerechtigkeit) fusionierten 2007 zur Partei "Die Linke". Die WASG war eine SPD-Abspaltung – gegründet von Gewerkschaftern und Agenda-2010-Gegnern. Oskar Lafontaine (Ex-SPD-Vorsitzender) und Gregor Gysi (PDS) wurden die Gesichter. 2009: 11,9 Prozent. 2013: 8,6 Prozent. 2021: 4,9 Prozent (nur durch Direktmandate im Bundestag). 2024: Wagenknecht gründete BSW. Die Linke verlor ihren linken Flügel. 2025: Die Linke scheiterte an der Fünf-Prozent-Hürde. Eine Partei stirbt – BSW lebt.

Häufige Fragen

Wann wurde das BSW gegründet?

Das Bündnis Sahra Wagenknecht wurde am 8. Januar 2024 als Verein gegründet. Der offizielle Gründungsparteitag fand am 27. Januar 2024 in Berlin statt, bei dem sich der Verein zur Partei umwandelte.

Warum hat sich das BSW von der Linken abgespalten?

Die Abspaltung resultierte aus tiefgreifenden inhaltlichen Differenzen, insbesondere bei Migrationspolitik, Identitätspolitik und der Haltung zum Ukraine-Krieg. Sahra Wagenknecht und ihre Unterstützer sahen keine Möglichkeit mehr, ihre Positionen innerhalb der Linken durchzusetzen.

Wie viele Mitglieder hatte das BSW bei der Gründung?

Bei der Gründung im Januar 2024 hatte das BSW rund 450 Mitglieder, darunter zehn Bundestagsabgeordnete, die zuvor der Linksfraktion angehört hatten.

Mehr dazu: Große Koalition · aktuelle Wahlumfragen
SonntagsfrageCDU/CSU25,7%SPD12,3%Grüne13,7%AfD25,7%BSW3,5%FDP3,3%Linke10,2%INSA · 08.04.BTW 2025CDU/CSU28,5%SPD20,5%Grüne11,6%AfD20,8%BSW5,0%FDP4,3%Linke3,8%FAZ Politik Liveblog Ukrainekrieg: Putin kündigt Feuerpause zum orthodoxen Osterfest anFAZ Politik Liveblog USA unter TrumP: Melania Trump weist Verbindung zu Epstein zurückWelt Politik „Die Lügen müssen ein Ende haben“ – Melania Trump bestreitet Verbindungen zu EpsteinFAZ Politik Waffenstillstand: Ist China der Sieger des Irankrieges?Welt Politik Martin Sellner hält Migrationsvortrag in Straßenbahn – Unternehmen ist „schockiert“Welt Politik „Situation wie vorher, nur mit einer besseren Position für Iran“Spiegel Politik USA, Donald Trump und Marco Rubio: Warum Standorte wie Ramstein entscheidend sindSpiegel Politik Buchenwald: Gericht bestätigt Verbot für »Kufiyas in Buchenwald«Spiegel Politik NRW-Ministerin Ina Scharrenbach: Vorwürfe von Machtmissbrauch bleiben interne SacheTagesschau Untergetauchte Rechtsextremistin Liebich in Tschechien gefasstTagesschau Ankündigung von Merz: Deutschland will wieder Gespräche mit Iran aufnehmenZDF heute Europas KI-Aufholjagd
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