Der Abend, an dem alles anders wurde
Abend des 27. September 1998. 18 Uhr. Die Hochrechnungen erscheinen auf dem Bildschirm. Im ZDF-Studio herrscht für einen Moment Stille, dann sagt Moderator Klaus Bresser die Zahl: SPD 40,9 Prozent. In der SPD-Parteizentrale in Bonn bricht Jubel aus. In der CDU-Zentrale senken sich die Köpfe.
Was an diesem Abend geschah, hatte es in 49 Jahren Bundesrepublik noch nie gegeben: Ein vollständiger Machtwechsel durch eine Wahl. Nicht durch einen Koalitionswechsel der FDP wie 1982. Nicht durch eine Hintergrundintrige wie 1969. Sondern allein durch den Willen der Wähler. Nach 16 Jahren Helmut Kohl kam Gerhard Schröder. Nach Schwarz-Gelb kam Rot-Grün.
Key-Facts: 27. September 1998
- SPD: 40,9 % (+4,5) — bestes Ergebnis seit 1980
- CDU/CSU: 35,1 % (−6,3) — schlechtestes Ergebnis seit 1949
- Grüne: 6,7 % — erstmals in der Bundesregierung
- Wahlbeteiligung: 82,2 % — höchste seit 1987
- Bedeutung: Erster vollständiger Machtwechsel durch Wahl
Warum 16 Jahre Kohl endeten
Über vier Millionen Arbeitslose. Kohls Versprechen, die Zahl zu halbieren, klebte an ihm wie ein Fluch. Die „blühenden Landschaften“ im Osten waren nicht geblüht. Und dann war da Schröder — braungebrannt, medienerfahren, mit dem Slogan „Innovation und Gerechtigkeit“. Kohl wirkte daneben wie ein Mann aus einer anderen Epoche. Was er war.
Ein Fakt, der selten erwähnt wird: SPD-Kanzlerkandidat Schröder hatte sich intern gegen Oskar Lafontaine durchgesetzt — denselben Lafontaine, der 1990 gegen Kohl verloren hatte. Die Partei entschied sich für den Pragmatiker statt für den Ideologen. Es war die richtige Entscheidung. Lafontaine wurde Finanzminister, trat aber bereits im März 1999 zurück — im Streit mit Schröder. Jahre später gründete er die WASG, die in der Linken aufging.
Die Grünen an der Macht
Für die Grünen war der 27. September 1998 ein historischer Moment. 1980 gegründet, 1983 erstmals im Bundestag, 1990 dank der geteilten Fünf-Prozent-Hürde herausgeflogen, 1994 zurückgekehrt — und jetzt: Regierungspartei. Joschka Fischer, Turnschuhminister aus Hessen, wurde Außenminister und Vizekanzler.
Die Partei musste schnell lernen, was Regieren bedeutet. Im Frühjahr 1999, nur Monate nach Amtsantritt, stand der Kosovo-Krieg an. Fischer, der Pazifist, argumentierte für den Bundeswehr-Einsatz. Auf einem Sonderparteitag traf ihn ein Farbbeutel. Er gewann die Abstimmung trotzdem. Es war der Moment, in dem die Grünen von einer Protestpartei zur Staatspartei wurden.
Die Reformen — und ihr Preis
Rot-Grün regierte sieben Jahre und veränderte die Bundesrepublik tiefgreifend: Atomausstieg, Ökosteuer, Reform des Staatsangehörigkeitsrechts, Eingetragene Lebenspartnerschaft. Und dann, 2003, die Agenda 2010 — die umstrittenste Reform der Nachkriegsgeschichte.
Die Hartz-Gesetze lockerten den Kündigungsschutz, schufen Mini-Jobs und das Arbeitslosengeld II. Langfristig sank die Arbeitslosigkeit. Kurzfristig verlor die SPD ihre Seele. Gewerkschafter und linke Sozialdemokraten fühlten sich verraten. 2004 gründeten sie die WASG. Die Partei fusionierte mit der PDS zur Linken — und nahm der SPD für zwei Jahrzehnte Wähler weg, die nie zurückkamen.
Das Ende: Schröder pokert und verliert
Am 22. Mai 2005, nach einer desaströsen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, trat Schröder vor die Kameras und kündigte die Vertrauensfrage an. Es war ein Pokerspiel: Er hoffte, die SPD im Wahlkampf zu mobilisieren und sich im Amt zu bestätigen. Die Rechnung ging fast auf. Bei der vorgezogenen Wahl am 18. September 2005 lagen CDU/CSU (35,2 %) und SPD (34,2 %) fast gleichauf. Aber es reichte nicht. Es kam zur Großen Koalition unter Angela Merkel.
Am Wahlabend weigerte sich Schröder in der „Elefantenrunde“ zu akzeptieren, dass er verloren hatte. Er fragte Merkel live im Fernsehen, ob sie ernsthaft glaube, dass er eine Koalition unter ihrer Führung mittragen würde. Es war sein letzter Auftritt als Kanzler — und sein schlechtester.
27. September 1998: Der erste wirkliche Machtwechsel seit 16 Jahren
Die Bundestagswahl am 27. September 1998 war der sauberste Machtwechsel der deutschen Nachkriegsgeschichte — weder durch Misstrauensvotum noch durch Koalitionswechsel, sondern durch eine klare Wahlentscheidung. SPD: 40,9 % (+4,5 Punkte). CDU/CSU: 35,1 % (−6,3 Punkte). Helmut Kohl, 16 Jahre Kanzler, erkannte sofort die Niederlage und verlor keine Zeit. Gerhard Schröder bildete binnen sieben Wochen eine Koalition mit den Grünen — die ersten Grünen in einer Bundesregierung überhaupt. Joschka Fischer wurde Außenminister, das erste Mal in der Geschichte der Partei. Am 27. Oktober 1998 übernahm Schröder das Kanzleramt. Die Wahlsieger wollten „Aufbruch“ — was sie bekamen, war zunächst Chaos (Finanzminister Lafontaine trat nach wenigen Monaten zurück) und dann die Agenda 2010 (2003), die das Wahlprogramm von 1998 nahezu vollständig ignorierte.
2003: Agenda 2010 – Schröders Regierung spaltet die SPD für 20 Jahre
Am 14. März 2003 kündigte Gerhard Schröder die Agenda 2010 an: Arbeitsmarktreform, Hartz IV, Rentenreform. Die SPD war zerstritten. Die WASG gründete sich als Abspaltung. Die SPD verlor Mitglieder und Landtagswahlen. Der Streit über Hartz IV prägte die SPD bis 2021. Erst Scholz überwand den Schatten – indem er Hartz IV durch das Bürgergeld ersetzte.
Häufige Fragen zu Rot-Grün 1998
Was war das Besondere an der Bundestagswahl 1998?
Es war der erste vollständige Machtwechsel durch eine Bundestagswahl in der Geschichte der Bundesrepublik. Alle früheren Regierungswechsel (1969, 1982) waren durch Koalitionswechsel der FDP ausgelöst worden.
Welche Reformen setzte Rot-Grün um?
Zu den wichtigsten Reformen gehörten der Atomausstieg, die Ökosteuer, die Eingetragene Lebenspartnerschaft, die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts und die Agenda 2010 mit den Hartz-Gesetzen.
Wie lange regierte Rot-Grün?
Die rot-grüne Koalition regierte von Oktober 1998 bis November 2005, also sieben Jahre. Sie wurde bei der Bundestagswahl 2002 bestätigt und endete nach der vorgezogenen Neuwahl 2005.
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