Boris Rhein — Der Frankfurter an Hessens Spitze
Nur wenige Ministerpräsidenten kamen über einen so ungewöhnlichen Weg ins Amt. Boris Rhein war Landtagspräsident — normalerweise eine repräsentative Endstation. Doch als Volker Bouffier 2022 nach zwölf Jahren abtrat, rückte der Frankfurter Jurist nach. Kein innerparteilicher Machtkampf, keine Kampfkandidatur. Der geordnete Übergang — typisch für die hessische CDU.
Steckbrief
- Geboren: 17. November 1972, Frankfurt am Main
- Partei: CDU
- Im Amt seit: 31. Mai 2022
- Kabinett: Rhein II (seit Januar 2024)
- Koalition: CDU + SPD
- Vorgänger: Volker Bouffier
Stationen: Vom Stadtrat zur Staatskanzlei
| Zeitraum | Position |
|---|---|
| 1999–2008 | Stadtverordneter Frankfurt |
| 2003–2022 | MdL Hessen |
| 2009–2010 | Wissenschaftsminister |
| 2010–2014 | Innenminister |
| 2014–2019 | Landtagspräsident |
| seit 05/2022 | Ministerpräsident |
Der Koalitionswechsel als prägende Entscheidung
Rheins wichtigste politische Weichenstellung war der Wechsel von Schwarz-Grün zu Schwarz-Rot nach der Landtagswahl 2023. Er hätte die Koalition mit den Grünen rechnerisch fortsetzen können. Doch er entschied sich bewusst für die SPD — ein Signal für Erneuerung und breitere Mitte.
Als gebürtiger Frankfurter steht Rhein für einen urban geprägten Konservatismus: wirtschaftsnah, pragmatisch, weniger ideologisch als seine Vorgänger Koch und Bouffier. Die Stärkung des Finanzplatzes Frankfurt, der Fernbahntunnel und die Sicherheitspolitik bilden seine Schwerpunkte.
Rheins Innenminister-Erbe: Der NSU-Schatten über Hessen
Von 2010 bis 2014 war Rhein Hessischer Innenminister — in einer Zeit, die rückblickend als eine der dunkelsten der deutschen Sicherheitspolitik gilt. Im November 2011 flog der NSU auf. Und es stellte sich heraus: Ein hessischer Verfassungsschützer namens Andreas Temme — intern „Klein Adolf“ genannt, wegen NSU-nahm Aktenmaterial — war am 6. April 2006 in einem Kasseler Internetcafé anwesend, als dort der Kurde Halit Yozgat ermordet wurde. Das war eines der neun NSU-Morde. Temme behauptete, nichts gehört zu haben. Die Widersprüche in seiner Aussage wurden nie vollständig aufgeklärt. Sein direkter Vorgesetzte im Verfassungsschutz hinderte die Mordkommission zeitweise an Einsicht in Temmes Unterlagen. Ein Untersuchungsausschuss im Hessischen Landtag arbeitete dies auf — und stellte fest, dass der hessische Verfassungsschutz die Aufklärung erschwerte. Rhein war zu dieser Zeit Innenminister. Er bestreitet persönliche Verantwortung. Der Fall blieb ungeklärt — und begleitet Rhein politisch bis heute.
Volker Bouffier: Das Vorbild, das es schwer macht
Rheins Vorgänger Volker Bouffier regierte Hessen von 2010 bis 2022 — 12 Jahre lang. Er war der längstdienende Ministerpräsident Hessens nach Roland Koch. Sein Stil: dezent, verlässlich, ohne große Visionen — aber auch ohne große Fehler. Er baute Schwarz-Grün auf, als das bundesweit noch als unmöglich galt, und führte es 9 Jahre. Bouffier hatte in Umfragen zeitweise die höchsten Zustimmungswerte aller CDU-Ministerpräsidenten in Westdeutschland. Für Rhein bedeutet das: Er trat mit dem Vorgabe-Ergebnis von 45+ Prozent an — und holte 34,6 %. Das ist statistisch gesehen kein Erfolg. Rhein muss bis 2028 eine eigene politische Identität schaffen, die über „Bouffiers Nachfolger“ hinausgeht.
2003: PISA-Schock und Bildungsföderalismus – warum 16 verschiedene Schulsysteme ein Problem sind
Der PISA-Schock 2001 offenbarte: Deutsche Schüler schnitten im internationalen Vergleich schlecht ab. Und: Die Unterschiede zwischen Bundesländern waren riesig. Bayern: Weit über OECD-Schnitt. Bremen: Weit darunter. Das Problem: Bildung ist Ländersache. 16 Ministerien, 16 Lehrpläne, 16 Abitur-Standards. Der Bildungsföderalismus schafft Ungleichheit: Ein Kind in Bayern bekommt eine andere Bildung als in Berlin. Koordinierungsversuche: KMK (Kultusministerkonferenz) beschloss nationale Bildungsstandards. Trotzdem: Das Abitur aus Bayern ist kein gleichwertiges Signal wie das aus einem Hamburger Gesamtschule.
Häufige Fragen
Wer ist der Ministerpräsident von Hessen?
Warum wechselte Rhein den Koalitionspartner?
Er wollte nach zehn Jahren Schwarz-Grün einen Neuanfang signalisieren. Die SPD bot sich als Partner für eine breitere Mitte an.
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