Charles Michel — Europäischer Rat Präsident a.D.
Key-Facts: Charles Michel
- Name: Charles Yves Jean Ghislaine Michel
- Geboren: 21. Dezember 1975, Namur, Belgien
- Amt: Präsident des Europäischen Rates a.D.
- Fraktion: Renew Europe (liberale Familie)
- Land: Belgien
- Im Amt: 2019–2024
Charles Michel war von Dezember 2019 bis November 2024 Präsident des Europäischen Rates. In dieser Rolle moderierte er die Gipfeltreffen der 27 EU-Staats- und Regierungschefs und spielte eine zentrale Rolle bei der Koordinierung der europäischen Antwort auf die COVID-19-Pandemie, den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und die Energiekrise.
Biografie & Karriere
Charles Michel wurde 1975 in Namur als Sohn des ehemaligen EU-Kommissars und belgischen Außenministers Louis Michel geboren. Politik lag ihm im Blut: Bereits mit 18 Jahren trat er dem Mouvement Réformateur (MR) bei, der frankophonen liberalen Partei Belgiens.
Er studierte Rechtswissenschaften an der Université libre de Bruxelles und an der Universität Amsterdam. Mit nur 24 Jahren wurde er 2000 zum Mitglied der wallonischen Regionalregierung ernannt – damals der jüngste Minister Belgiens. Von 2004 bis 2007 diente er als Bundesminister für Entwicklungszusammenarbeit.
Im Oktober 2014 wurde Michel belgischer Premierminister an der Spitze einer rechts-liberalen Koalition, der sogenannten „Schwedischen Koalition“. Diese Regierung zerbrach im Dezember 2018 am Streit über den UN-Migrationspakt. Nach einer geschäftsführenden Phase wurde Michel im Juli 2019 vom Europäischen Rat zu dessen Präsidenten gewählt.
Politische Positionen
Michel steht in der Tradition des belgischen Liberalismus und vertritt pro-europäische, marktwirtschaftliche Positionen. Während seiner Amtszeit als Ratspräsident vermittelte er zwischen den unterschiedlichen Interessen der Mitgliedstaaten in zentralen Fragen.
Beim historischen EU-Gipfel im Juli 2020 verhandelte er vier Tage und Nächte lang über das 1,8-Billionen-Euro-Paket aus dem Mehrjährigen Finanzrahmen und dem Corona-Aufbaufonds „NextGenerationEU“. Er suchte dabei Kompromisse zwischen den „Sparsamen Vier“ und den südeuropäischen Staaten.
In der Ukraine-Krise setzte sich Michel für eine geschlossene EU-Antwort ein und koordinierte die schnelle Verabschiedung der Sanktionspakete gegen Russland. Er reiste mehrfach nach Kiew und setzte sich für den EU-Kandidatenstatus der Ukraine ein.
EU-Rolle
Der Präsident des Europäischen Rates leitet die Gipfeltreffen der Staats- und Regierungschefs, die mindestens viermal jährlich stattfinden. Er bereitet die Tagungen vor, sucht Kompromisse und vertritt den Europäischen Rat nach außen in Fragen der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik.
Im Gegensatz zur Kommissionspräsidentin hat der Ratspräsident kein Initiativrecht für Gesetzgebung. Seine Macht liegt in der Moderation und Vermittlung zwischen den nationalen Regierungen. Michel übergab das Amt Ende 2024 an seinen Nachfolger António Costa.
| Zeitraum | Amt / Position | Institution |
|---|---|---|
| 2019–2024 | Präsident des Europäischen Rates | Europäischer Rat |
| 2014–2019 | Premierminister | Königreich Belgien |
| 2004–2007 | Minister für Entwicklungszusammenarbeit | Belgische Bundesregierung |
| 2000–2004 | Minister der Wallonischen Regionalregierung | Wallonien |
| 1999–2019 | Abgeordneter | Belgische Abgeordnetenkammer |
6. März 2021: Sofagate — Ein Stuhl, der Europa blamierte
Am 6. März 2021 reisten Charles Michel und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zu einem Treffen mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoßan nach Ankara. Als das Protokoll die Plätze zuwies, standen für die europäische Seite nur zwei Sessel bereit — einer für Erdoßan, einer für Michel. Von der Leyen, gleichrangige Repräsentantin der EU, wurde auf ein seitlich gestelltes Sofa verwiesen. Sie war hörbar überrascht. Die Szene wurde live übertragen. Von der Leyens Reaktion („Ehem“ auf Video festgehalten) wurde weltweit gesehen.
Michel verteidigte sich zunächst: Er habe keine Wahl gehabt, da das Protokoll von türkischer Seite festgelegt worden sei. Kritiker, darunter zahlreiche EU-Parlamentarierinnen, warfen ihm vor, er hätte selbst auf dem Sofa Platz nehmen und den Sessel von der Leyen anbieten können. Der Vorfall wurde als „Sofagate“ bekannt. Das Europäische Parlament debattierte darüber. Michel entschuldigte sich später in einem Interview und gab zu, er hätte anders reagieren müssen. Der Vorfall beleuchtete ein strukturelles Problem: Der Europäische Rat und die Kommission haben rivalisierende Außenvertretungsansprüche — und wenn Protokollstreitigkeiten auf türkischem Parkett aufeinandertreffen, zahlt die Institutionenwürde den Preis.
Häufige Fragen
Was macht der Präsident des Europäischen Rates?
Er leitet die Gipfeltreffen der 27 Staats- und Regierungschefs, bereitet die Tagesordnung vor und sucht Kompromisse. Zudem vertritt er die EU in außenpolitischen Fragen auf höchster Ebene.
Wer folgte Charles Michel als Ratspräsident nach?
Im Dezember 2024 übernahm der Portugiese António Costa das Amt des Präsidenten des Europäischen Rates für eine Amtszeit von zweieinhalb Jahren.
Was änderte sich beim Übergang von Michel zu António Costa?
António Costa übernahm im Dezember 2024 die Ratspräsidentschaft in einer veränderten geopolitischen Lage. Während Michel die EU durch Pandemie und den Beginn des Ukraine-Krieges führte, steht Costa vor den Herausforderungen der europäischen Verteidigungsfinanzierung und der Beziehungen zu den USA unter einer neuen Trump-Administration.
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