Wahlkreis 190: Neuss I – 2.000 Jahre Geschichte, ein Weltrekord-Schützenfest und das Ende der Kohle
Key-Facts: Wahlkreis 190
- Wahlkreis-Nr.: 190
- Name: Neuss I
- Bundesland: Nordrhein-Westfalen
- Städte: Neuss, Dormagen, Grevenbroich
- CDU 2025: 33,4 %
- Besonderheit: Römische Gründung, größtes Schützenfest der Welt
- Gewinner BTW 2025: CDU (Erststimme)
Novaesium nannten die Römer ihr Lager am linken Rheinufer, als sie es um 16 v. Chr. errichteten. Daraus wurde Neuss – eine der ältesten Städte Deutschlands und die älteste am Niederrhein. Wer durch die Innenstadt geht, stößt auf Reste römischer Mauern, mittelalterliche Kirchen und ein Quirinus-Münster, dessen Kuppel von der anderen Rheinseite aus sichtbar ist. Geschichte ist in Neuss keine Abstraktion, sondern Stadtbild.
Das Schützenfest: Größer als alles andere
Ende August, wenn rund 7.500 Schützen in Uniform durch die Innenstadt marschieren, steht Neuss still. Das Bürgerschützenfest, seit über 800 Jahren gefeiert, ist das größte Schützenfest der Welt. Es ist kein Volksfest im üblichen Sinne, sondern ein Ereignis, das die gesamte Stadt erfasst: Vereine, Schulen, Geschäfte – alles richtet sich nach dem Festkalender.
Politisch ist das Schützenfest nicht irrelevant: Die Schützenvereine sind Teil des sozialen Netzes, in dem sich politische Meinungen bilden und lokale Kandidaten profilieren. Wer hier Schützenkönig wird, hat eine gewisse öffentliche Präsenz, die über den Verein hinausreicht.
Dormagen: Chemie und Rheinromantik
Dormagen, südlich von Neuss, ist Standort des Chemparks – eines der größten Chemie-Industriegelande Europas. Covestro, Lanxess und andere Chemiekonzerne produzieren hier. Die Stadt lebt wirtschaftlich vom Chempark, kulturell vom Klöster Knechtsteden (ein romanisches Prämonstratenserkloster) und landschaftlich vom Rhein, der hier breit und gemächlich durch die Ebene fließt.
Grevenbroich: Die Hauptstadt der Energie – und des Umbruchs
Grevenbroich nannte sich einmal “Bundeshauptstadt der Energie”. Das Kraftwerk Neurath, betrieben von RWE, ist eines der leistungsstärksten Braunkohlekraftwerke der Welt – und einer der größten CO2-Emittenten Europas. Der beschlossene Braunkohleausstieg betrifft die Stadt unmittelbar: Tausende Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt an der Kohle.
Die Frage, was nach der Braunkohle kommt, ist in Grevenbroich kein theoretisches Gedankenspiel, sondern existenziell. Strukturwandelmittel fließen, aber ob sie rechtzeitig und ausreichend sind, ist umstritten. Die politische Stimmung schwankt zwischen pragmatischem Akzeptieren des Wandels und der Angst vor dem wirtschaftlichen Absturz einer ganzen Region.
Erststimmen: Bundestagswahl 2025
| Partei | Erststimmen 2025 | Rang |
|---|---|---|
| CDU | 33,4 % | 1 – Direktmandat |
| SPD | 22,6 % | 2 |
| AfD | 14,8 % | 3 |
| Grüne | 8,4 % | 4 |
| FDP | 6,2 % | 5 |
| BSW | 5,4 % | 6 |
| Sonstige | 9,2 % | – |
Die CDU gewinnt mit komfortablem Vorsprung. Neuss I ist kein Swing-Wahlkreis – die Christdemokraten haben hier eine stabile Basis, gestützt auf das bürgerliche Milieu in Neuss und die eher konservative Bevölkerung in Grevenbroich und Dormagen. Die Grünen schneiden mit 8,4 Prozent für eine Region, die von Braunkohle und Chemie lebt, erstaunlich gut ab – ein Zeichen dafür, dass der Kohleausstieg auch von Teilen der hiesigen Wählerschaft mitgetragen wird.
Neuss und Düsseldorf: Nachbarn, aber eigenständig
Neuss liegt direkt gegenüber von Düsseldorf am linken Rheinufer. Die beiden Städte sind wirtschaftlich eng verflochten – der Neusser Hafen ist einer der größten Binnenhäfen Deutschlands und profitiert von der Nähe zur Landeshauptstadt. Kulturell aber besteht Neuss auf seiner Eigenständigkeit. Man ist nicht Düsseldorf-linksrheinisch, man ist Neuss. Diese Haltung hat Tradition: Als Düsseldorf 1929 eine Eingemeindung anstrebte, verhinderte Neuss sie erfolgreich.
Historische Ergebnisse
| Bundestagswahl | Gewinner | CDU-Anteil |
|---|---|---|
| 2025 | CDU | 33,4 % |
| 2021 | CDU | 28,6 % |
| 2017 | CDU | 36,8 % |
Auch im schwachen CDU-Jahr 2021 hielt der Wahlkreis. Die Erholung auf 33,4 Prozent im Jahr 2025 zeigt: Neuss I ist verlässlich konservatives Terrain.
Lage des Wahlkreises
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1961: Berlin-Krise während der Wahl – Mauer gebaut 4 Wochen vor dem Urnengang
Die Bundestagswahl 1961 fand unter dem Schatten des Berliner Mauerbaus statt (13. August 1961). Wahl war am 17. September. Die CDU/CSU verlor ihre absolute Mehrheit (45,3 auf 45,3 – aber ohne FDP keine Regierung). Adenauer bildete erneut eine CDU/CSU-FDP-Koalition. Der SPD-Kandidat Willy Brandt regierte als Berliner Bürgermeister in der Mauerstadt – symbolisch stark, wahlmäßig reichte es nicht (36,2 Prozent). Westdeutsche Wähler wählten in der Krise konservativ. Die Wahlbeteiligung stieg auf 87,7 Prozent – einer der höchsten Werte der Bundesrepublik.
Häufige Fragen
Ist das Neusser Schützenfest wirklich das größte der Welt?
Ja, gemessen an der Zahl der aktiven Schützen. Rund 7.500 Schützen marschieren beim Königsparadezug. Das Fest wird seit über 800 Jahren gefeiert und ist tief in der Stadtkultur verwurzelt.
Wie betrifft der Braunkohleausstieg Grevenbroich?
Grevenbroich liegt im Rheinischen Revier. Das Kraftwerk Neurath (RWE) ist einer der größten CO2-Emittenten Europas. Der Kohleausstieg gefährdet tausende direkte und indirekte Arbeitsplätze. Strukturwandelmittel sollen den Übergang abfedern.
Wie alt ist Neuss?
Neuss wurde um 16 v. Chr. als römisches Legionslager Novaesium gegründet. Damit gehört die Stadt zu den ältesten Deutschlands und ist die älteste am Niederrhein.
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