Face-to-Face-Befragung erklärt
Key-Facts
- Methode: Persönliches Interview in der Wohnung der Befragten
- Institut: Allensbach (einziges großes Institut mit F2F als Hauptmethode)
- Besonderheit: Urnenmodell für Wahlabsicht (geheime Stimmabgabe)
- Kosten: 50–100 € pro Interview
- Stichprobe: ~1.000 Befragte (kleiner, aber höhere Qualität)
Die Face-to-Face-Befragung ist die älteste Methode der Umfrageforschung und liefert die höchste Datenqualität. In Deutschland nutzt nur noch das Institut für Demoskopie Allensbach diese Methode als Hauptverfahren für die Sonntagsfrage. Der Grund: Sie ist extrem aufwendig und teuer.
Wie läuft eine Face-to-Face-Befragung ab?
- Adressauswahl: Zufällig ausgewählte Adressen aus dem Melderegister oder durch systematische Begehung (Random Route).
- Hausbesuch: Ein geschulter Interviewer besucht den Haushalt, oft nach vorheriger Ankündigung.
- Personenauswahl: Innerhalb des Haushalts wird eine Person nach dem Zufallsprinzip ausgewählt.
- Interview: Das Gespräch findet in der Wohnung statt und dauert 20–40 Minuten.
- Urne: Für die Sonntagsfrage nutzt Allensbach eine tragbare Urne: Der Befragte füllt einen Stimmzettel aus und wirft ihn verdeckt ein.
Das Allensbach-Urnenmodell
Die größte Besonderheit der Allensbach-Methode ist das Urnenmodell. Statt die Wahlabsicht mündlich zu äußern, füllt der Befragte einen Stimmzettel aus und wirft ihn in eine tragbare Urne. Der Interviewer sieht die Antwort nicht. Dieses Verfahren reduziert die soziale Erwünschtheit erheblich.
| Merkmal | Face-to-Face (Allensbach) | Telefon (CATI) | Online-Panel |
|---|---|---|---|
| Kosten/Interview | 50–100 € | 15–30 € | 3–8 € |
| Feldzeit | 7–14 Tage | 3–5 Tage | 2–3 Tage |
| Antwortrate | 40–60% | 10–20% | 30–50% |
| Soz. Erwünschtheit | Gering (Urne) | Mittel-hoch | Gering |
| Frequenz | Monatlich | Wöchentlich | Wöchentlich |
Vorteile und Nachteile
Vorteile
- Höchste Antwortrate aller Methoden (40–60%).
- Beste Datenqualität: Interviewer kann nachfragen und Missverständnisse klären.
- Urnenmodell: Minimiert soziale Erwünschtheit bei der Wahlabsicht.
- Breiteste Abdeckung: Auch Offline-Personen und Schwererreichbare werden erfasst.
Nachteile
- Extrem teuer: 50–100 Euro pro Interview machen nur kleine Stichproben finanzierbar.
- Langsam: 7–14 Tage Feldzeit vs. 2–3 Tage bei Online.
- Geringe Frequenz: Allensbach veröffentlicht nur monatlich, nicht wöchentlich.
- Interviewer-Effekte: Das Verhalten des Interviewers kann Antworten beeinflussen.
Warum gibt es Face-to-Face noch — und warum verschwindet es?
Das Institut Allensbach wurde 1947 gegründet — damals war Face-to-Face die einzige praktikable Methode. Elisabeth Noelle-Neumann, die Gründerin, entwickelte in Allensbach am Bodensee die Grundlagen der deutschen Demoskopie. Das Urnenverfahren entstand in den 1950er Jahren als Lösung für ein spezifisches Problem: Wie fragt man Deutsche kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ehrlich nach ihrer politischen Meinung, wenn sie Scham oder Angst vor Überwachung haben?
Heute kämpft das Institut gegen einen strukturellen Nachteil: Frequenz. Während Forsa und INSA wöchentlich messen und damit Trends frühzeitig erfassen, veröffentlicht Allensbach monatlich. In Wahlkampfphasen mit schnellen Stimmungswechseln — wie im September 2021, als die SPD binnen drei Wochen von 15% auf über 25% schoss — hinkt Allensbach strukturell hinterher.
Das Allensbach-Paradox: Qualität vs. Aktualität
Allensbach hat historisch die höchste Treffsicherheit bei Bundestagswahlen. Bei der Wahl 2021 lag das Institut mit der SPD näher am Ergebnis als die meisten wöchentlichen Institute. Gleichzeitig konnte es den SPD-Aufstieg während des Wahlkampfs langsamer verfolgen. Das ist das Grundproblem: Face-to-Face misst präziser, aber seltener. Für Momentaufnahmen ist Online besser, für das Gesamtbild ist Face-to-Face robust.
Face-to-Face international — wer nutzt es noch?
International ist Face-to-Face für Wahlumfragen weitgehend verschwunden. In den USA setzen Gallup, Pew Research und alle großen Wahlumfrage-Agenturen auf Telefon oder Online. In Großbritannien ist Face-to-Face seit den 1990ern marginal. Allensbach ist damit eines der wenigen Institute weltweit, das diese Methode noch für regelmäßige Wahlumfragen einsetzt.
In der akademischen Forschung ist Face-to-Face dagegen weiterhin Standard: Das ALLBUS-Projekt (Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften) nutzt Face-to-Face alle zwei Jahre für detaillierte Sozialstrukturanalysen. Hier überwiegt die Qualität — Aktualität ist bei wissenschaftlichen Längsschnittstudien weniger kritisch.
2013: Online-Umfragen – revolutionäres Werkzeug oder verzerrter Spiegel?
Online-Befragungen kamen ab 2000 in Deutschland auf. YouGov nutzt seit 2000 ausschließlich Online-Panels. INSA kombiniert seit 2009 Online und Telefon. Vorteile: Schnell, günstig, keine Interviewer-Verzerrungen. Nachteile: Selbstselektion der Teilnehmer, Unterrepräsentation Älterer (internet-fern), mögliche Mehrfachantworten. YouGov-Ergebnisse weichen im Schnitt 1-2 Prozentpunkte von Telefon-Instituten ab – meist höhere AfD-Werte, da Online-Nutzer weniger Social-Desirability-Bias haben. Die methodische Zukunft liegt in Mixed-Mode: Kombination mehrerer Befragungsmethoden.
Häufige Fragen
Was ist eine Face-to-Face-Befragung?
Ein Interviewer besucht zufällig ausgewählte Haushalte und führt das Interview persönlich vor Ort durch. In Deutschland nutzt das Institut Allensbach diese Methode als Hauptverfahren.
Was ist das Urnenmodell bei Allensbach?
Befragte werfen ihren Stimmzettel in eine tragbare Urne, sodass der Interviewer die Wahlabsicht nicht sieht. Das minimiert die soziale Erwünschtheit.
Warum ist Face-to-Face so teuer?
Interviewer müssen zu den Befragten reisen, was hohe Personal-, Reise- und Zeitkosten verursacht. Ein Interview kostet 50–100 Euro, gegenüber 3–8 Euro bei Online-Panels.
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