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Das SPD-Parteiprogramm — Soziale Gerechtigkeit, Mindestlohn, Wohnen, Bildung und Klima

Politische Veranstaltung in Berlin

Key-Facts: SPD-Parteiprogramm

  • Grundsatzprogramm: Hamburger Programm (beschlossen 2007)
  • Grundwerte: Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität
  • Kernthemen: Soziale Gerechtigkeit, Arbeitnehmerrechte, Bildung, Wohnen
  • Mindestlohn: Einführung 2015 (8,50€), aktuell 12,82€
  • Klimaziel: Klimaneutralität bis 2045

Soziale Gerechtigkeit — zwei Wörter, die seit 160 Jahren SPD-Programme eröffnen. Aber was heißt das heute, in einer Republik, die sich zwischen Schuldenbremse und Klimawandel aufreibt? Das aktuelle Grundsatzprogramm der SPD, beschlossen 2007 in Hamburg, versucht eine Antwort. Es baut auf den klassischen Werten Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität — und verriegelt sie mit konkreten Forderungen, die von der Mietpreisbremse bis zum Mindestlohn reichen.

Wer das Hamburger Programm liest, merkt: Die SPD versteht unter Freiheit nicht bloß die Abwesenheit von Zwang. Freiheit heißt, das eigene Leben gestalten zu können — und dafür braucht es materielle Sicherheit, Bildung, einen funktionierenden Sozialstaat. Gerechtigkeit meint gleiche Chancen, unabhängig von Herkunft oder Kontostand der Eltern. Solidarität meint: Die Starken tragen mehr. Es ist eine Programmatik, die sich in einem Satz zusammenfassen lässt: Der Markt allein richtet es nicht.

Mindestlohn — das Prestigeprojekt

Fragt man SPD-Politiker nach ihrem größten Erfolg der letzten Dekade, kommt fast immer dieselbe Antwort: der Mindestlohn. 2015 eingeführt, damals 8,50 Euro brutto pro Stunde. Die Kassandra-Rufe von Arbeitgeberverbänden, die Massenarbeitslosigkeit prophezeiten, verstummten schnell. Stattdessen stiegen die Löhne im Niedriglohnsektor spürbar, die Beschäftigung blieb stabil.

JahrMindestlohn (brutto/Std.)RegierungAnmerkung
20158,50 €GroKo (Merkel III)Erstmalige Einführung
20178,84 €GroKo (Merkel III)Erste reguläre Erhöhung
20199,19 €GroKo (Merkel IV)Schrittweise Anpassung
20209,35 €GroKo (Merkel IV)
20219,60 €GroKo (Merkel IV)Letzte GroKo-Erhöhung
202212,00 €Ampel (Scholz)Politische Einmalerhöhung
202412,41 €Ampel (Scholz)Mindestlohnkommission
202512,82 €Beschluss Kommission

Die Einmalerhöhung auf 12 Euro unter der Ampelkoalition war dabei etwas Ungewöhnliches: ein politischer Beschluss, der die unabhängige Mindestlohnkommission überging. Verfassungsrechtlich zulässig, ordnungspolitisch umstritten. Aber für Olaf Scholz war der 12-Euro-Mindestlohn das greifbarste Wahlversprechen — und das einzige, das er uneingeschränkt einhielt.

Wohnen, Bildung und der Streit um den Sozialstaat

Bezahlbares Wohnen gehört zu den Themen, bei denen die SPD die höchste Glaubwürdigkeit hat — und die größte Fallhöhe. 400.000 neue Wohnungen pro Jahr, davon 100.000 Sozialwohnungen: So steht es im Wahlprogramm. Gebaut wurden unter der Ampel deutlich weniger. Mietpreisbremse und Mietendeckel sind die bevorzugten Instrumente, ergänzt durch die Stärkung kommunaler Wohnungsbaugesellschaften.

Politisches Gespräch in der Stadt
Bezahlbares Wohnen in Großstädten ist ein Kernthema der SPD-Programmatik.

In der Bildungspolitik verfolgt die Partei ein klares Ziel: kostenloser Zugang von der Kita bis zur Hochschule. Kitagebühren abschaffen, Ganztagsbetreuung ausbauen, BAföG reformieren. Die SPD befürwortet längeres gemeinsames Lernen und steht der frühen Aufteilung in Gymnasium und Hauptschule kritisch gegenüber — eine Position, die in konservativ regierten Ländern regelmäßig auf Granit beißt.

Steuerlich fordert die SPD seit Jahren dasselbe: Entlastung kleiner und mittlerer Einkommen, stärkere Besteuerung von Spitzenverdienern, Wiedereinführung der Vermögensteuer. Letztere ist eine Forderung, die in Koalitionsverhandlungen zuverlässig als Erstes vom Tisch fällt. Ob aus taktischem Kalkül oder mangelndem Durchsetzungswillen, darüber streiten SPD-Linke und Parteizentrale seit Jahrzehnten.

Klimaschutz — sozial gedacht, vorsichtig gemacht

Die SPD bekennt sich zum Pariser Klimaabkommen und zur Klimaneutralität bis 2045. Im Unterschied zu den Grünen betont sie dabei die soziale Dimension: Der ökologische Umbau darf nicht zulasten von Geringverdienern und Industriearbeitsplätzen gehen. Das klingt vernünftig. Es klingt aber auch nach einer Partei, die zwei Klientelen gleichzeitig bedienen will und deshalb in keine Richtung konsequent handelt.

Die konkreten Maßnahmen — Ausbau erneuerbarer Energien, sozial gestalteter CO2-Preis mit Klimageld-Rückerstattung, Förderung von Elektromobilität, Investitionen in Wasserstoff — sind im Einzelnen unstrittig. Es ist die Geschwindigkeit, die den Unterschied macht. Und die war unter SPD-Führung selten so hoch wie das Pariser Abkommen es verlangt.

Das Erbe der Agenda 2010 — der Stachel, der bleibt

Kein Thema beschadigt die SPD länger als die Agenda 2010. Gerhard Schröder, SPD-Kanzler von 1998 bis 2005, setzte 2003 ein Reformpaket durch, das die Sozialhilfe mit der Arbeitslosenhilfe zum neuen „Arbeitslosengeld II“ zusammenlegte — umgangssprachlich: Hartz IV. Die Regelsätze wurden abgesenkt, die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I verkürzt, der Druck zur Jobaufnahme erhöht.

Die wirtschaftlichen Effekte waren real: Deutschland trat gestärkt in die Globalisierung ein, die Arbeitslosigkeit sank nach 2005 trotz Finanz- und Eurokrise. Aber der politische Preis war hoch: Millionen Stammwähler wanderten ab — zu den Grünen, zur Linken, in die Nichtwahl. Die SPD verlor zwischen 2002 und 2009 über vier Millionen Zweitstimmen. Und auch heute, mehr als zwanzig Jahre später, gilt die Agenda bei Teilen der SPD-Basis als Sündenfall.

Das Hamburger Programm 2007 und das Wahlprogramm 2025 versuchen, eine Antwort zu formulieren: Das Bürgergeld, das 2022 unter Ampel-Arbeitsminister Hubertus Heil das Hartz-IV-System ablöste, war explizit als Bruch mit der Agenda-Logik gedacht — höhere Regelsätze, mehr Würde, weniger Sanktionen. Ob das die alten Narben heilt, wird sich erst bei nächsten Wahlen zeigen.

Vom Godesberger zum Hamburger Programm

Drei Grundsatzprogramme markieren die programmatische Entwicklung der SPD. Das Godesberger Programm (1959) beerdigte den Marxismus und öffnete die Partei zur Volkspartei. Das Berliner Programm (1989) reagierte auf neue Bewegungen: Umwelt, Feminismus, Frieden. Das Hamburger Programm (2007) integriert Globalisierung und Nachhaltigkeit.

Was dabei auffällt: Jedes neue Grundsatzprogramm entstand in Reaktion auf eine Krise. Godesberg nach dem Wahldesaster 1957. Berlin nach dem Scheitern der sozialliberalen Koalition. Hamburg nach den Verwerfungen der Agenda 2010. Die SPD schreibt ihre Programme, wenn die Realität sie dazu zwingt. Die nächste Zwangslage ist das 20,5-Prozent-Ergebnis bei der Bundestagswahl 2025 — das schlechteste SPD-Ergebnis seit Jahrzehnten. Ob daraus ein neues Grundsatzprogramm folgt, bleibt abzuwarten.

1959: Das Godesberger Programm – die SPD verabschiedet sich vom Marxismus

Am 15. November 1959 verabschiedete die SPD auf dem Parteitag in Bad Godesberg ihr neues Grundsatzprogramm. Der Kern: Die SPD erklaerte sich zur Volkspartei und verabschiedete sich vom Klassenkampf-Marxismus. Statt Verstaatlichung hiess es nun: Wettbewerb soweit moeglich, Planung soweit noetig. Das Godesberger Programm ermoeglichte der SPD die Koalitionsfaehigkeit mit der FDP und 1966 die Grosse Koalition mit der CDU. Es ist das wirkungsstarkste innerparteiliche Richtungsdokument der deutschen Nachkriegsgeschichte – und wird bis heute zitiert, wenn Linksparteien ihren Weg zur Regierungsfaehigkeit beschreiben.

2007 und 2021: Hamburger Programm und Zukunftsprogramm — die SPD nach der Agenda-Krise

Nach dem Schock der Agenda 2010 versuchte die SPD 2007 mit dem „Hamburger Programm“, ideologisch neu zu balancieren: soziale Gerechtigkeit als Kern, Klimaschutz als Erweiterung, internationale Solidarität als Konstante. 2021 legte sie das „Zukunftsprogramm“ vor — mit Mindestlohn, Wohnungsbau und dem Versprechen, die Pandemie durch staatliche Investitionen zu überwinden. Beide Programme zeigen: Die SPD ist eine Partei, die sich nach Regierungszeiten neu erfindet. Der Kern — Arbeit, soziale Sicherheit, Bildung — bleibt, aber die Gewichtung verschiebt sich je nach Zeitgeist. Nach BTW 2025 (20,5 %) folgt in der Opposition erneut eine programmatische Neuorientierung.

Häufige Fragen

Was sind die wichtigsten Punkte im SPD-Parteiprogramm?

Die SPD setzt auf soziale Gerechtigkeit, einen hohen Mindestlohn, bezahlbaren Wohnraum, Chancengleichheit in der Bildung und klimafreundlichen Umbau der Wirtschaft. Die drei Grundwerte sind Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität.

Wann wurde das aktuelle SPD-Grundsatzprogramm beschlossen?

Das aktuelle Hamburger Programm wurde 2007 auf einem Parteitag in Hamburg beschlossen. Es löste das Berliner Programm von 1989 ab und definiert die programmatische Grundlage der Partei bis heute.

Wie unterscheidet sich das SPD-Programm von CDU und Grünen?

Die SPD betont stärker den Sozialstaat und Arbeitnehmerrechte als die CDU/CSU, setzt aber weniger konsequent auf ökologischen Umbau als die Grünen. Sie versteht sich als Partei der Mitte mit sozialer Ausrichtung.

Mehr dazu: aktuelle Wahlumfragen · Politik TV · Glossar
SonntagsfrageCDU/CSU25,7%SPD12,3%Grüne13,7%AfD25,7%BSW3,5%FDP3,3%Linke10,2%INSA · 08.04.BTW 2025CDU/CSU28,5%SPD20,5%Grüne11,6%AfD20,8%BSW5,0%FDP4,3%Linke3,8%FAZ Politik Ungarns Nähe zu Moskau: Und Orbán versprach Putin: Ich bin Dir zu DienstenFAZ Politik Elsass will mehr Rechte: Autonomie in Straßburg und ParisWelt Politik „Wir brauchen Planungssicherheit in der Reserve“Spiegel Politik News des Tages: Mario Adorf, der Zauberer. Donald Trumps Ultimatum.Welt Politik Flasche mit Aufschrift „Polonium“ bei Ostereiersuche gefunden – Ergebnis steht festSpiegel Politik Boris Pistorius: Kommunikationsdesaster und die Frage nach seiner TauglichkeitTagesschau Ankündigung von Merz: Deutschland will wieder Gespräche mit Iran aufnehmenFAZ Politik In Tschechien: Langjähriger Rechtsextremist Liebich gefasstWelt Politik Trump erhöht den Druck auf Europa – und fordert laut Bericht konkrete Zusagen einZDF heute Europas KI-AufholjagdSpiegel Politik München: Nach Tod von Surferin wächst Streit um Risiko am EisbachTagesschau Ein Jahr Koalitionsvertrag: Von Liebe, Brücken und Reformen
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