Geschichte der SPD — Die älteste Partei Deutschlands seit 1863
Key-Facts: SPD-Geschichte
- Gründung: 23. Mai 1863 (ADAV durch Ferdinand Lassalle)
- Name SPD seit: 1890 (zuvor Sozialistische Arbeiterpartei)
- Alter: Über 160 Jahre — älteste bestehende Partei Deutschlands
- Bundeskanzler: Brandt, Schmidt, Schröder, Scholz
- Historischer Höchstwert: 45,8% (Bundestagswahl 1972)
- Wendepunkte: Godesberger Programm 1959, Agenda 2010 (2003)
Am 23. Mai 1863 trafen sich elf Delegierte in einem Leipziger Vereinslokal. Sie gründeten den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein — den Vorläufer der heutigen SPD. 163 Jahre später ist ihre Partei die älteste in Deutschland und eine der ältesten der Welt. Keine andere politische Organisation spiegelt die deutsche Demokratiegeschichte so vollständig wider: Verfolgung unter Bismarck, Widerstand gegen Hitler, Kanzler der Versöhnung, Architekten schmerzhafter Reformen. Wer die SPD versteht, versteht die Bundesrepublik.
Ein Verein, ein Verbot, eine Massenbewegung (1863–1918)
Ferdinand Lassalle war Redner, Jurist, Frauenheld — und der Gründer des ADAV. Er starb ein Jahr später im Duell, mit 39, wegen einer Liebesaffäre. Es ist eine dieser Ironien der Geschichte, dass die nüchternste aller deutschen Parteien von einem Mann gegründet wurde, der sich umbringen ließ, weil er eine rumänische Fürstentochter nicht bekam.
Parallel entstand 1869 die Sozialdemokratische Arbeiterpartei unter August Bebel und Wilhelm Liebknecht. Beide Organisationen vereinigten sich 1875 in Gotha. Dann kam Bismarck. Die Sozialistengesetze (1878–1890) verboten die Partei, trieben sie in den Untergrund — und machten sie populärer als zuvor. Nach Aufhebung der Gesetze nannte sie sich 1890 SPD. Bei der Reichstagswahl 1912 holte sie 34,8% und wurde stärkste Fraktion. Die verfolgten Arbeiter waren zur Massenbewegung geworden.
Republik, Widerstand und Verbot (1918–1945)
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Friedrich Ebert 1919 erster Reichspräsident. Die SPD schrieb an der Weimarer Verfassung mit, stellte Kanzler, kämpfte gegen die Erosion der Demokratie. Die Abspaltung der USPD und später der KPD schwächte die Arbeiterbewegung. Am Ende blieb der SPD eine letzte, dafür unvergessliche Geste: Am 23. März 1933 stimmte die SPD-Fraktion als einzige gegen Hitlers Ermächtigungsgesetz. Otto Wels hielt eine Rede, die bis heute in Geschichtsbüchern zitiert wird: „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht.“
Was folgte, war Verbot, Exil, Verfolgung. Die Parteiführung floh nach Prag, dann Paris, dann London. Sozialdemokraten wie Julius Leber und Carlo Mierendorff beteiligten sich am Widerstand gegen Hitler und bezahlten mit ihrem Leben.
| Epoche | Zeitraum | Zentrale Ereignisse | Prägende Personen |
|---|---|---|---|
| Gründung | 1863–1875 | ADAV, SDAP, Vereinigung in Gotha | Lassalle, Bebel, Liebknecht |
| Kaiserreich | 1875–1918 | Sozialistengesetze, stärkste Partei 1912 | Bebel, Bernstein |
| Weimarer Republik | 1918–1933 | Republikgründung, Nein zum Ermächtigungsgesetz | Ebert, Wels |
| NS-Zeit | 1933–1945 | Verbot, Exil, Widerstand | Leber, Schumacher |
| Nachkrieg | 1945–1966 | Neugründung, Godesberger Programm | Schumacher, Ollenhauer |
| Regierungszeit | 1966–1982 | GroKo, Ostpolitik, sozialliberale Koalition | Brandt, Schmidt |
| Opposition | 1982–1998 | 16 Jahre Kohl-Ära | Vogel, Rau, Lafontaine |
| Neue Mitte | 1998–2005 | Rot-Grün, Agenda 2010 | Schröder |
| GroKo-Jahre | 2005–2021 | Drei Große Koalitionen unter Merkel | Gabriel, Nahles |
| Kanzlerpartei | 2021–2025 | Ampelkoalition, Regierungsführung | Scholz, Klingbeil |
Godesberg: Die SPD erfindet sich neu (1945–1969)
Nach dem Krieg baute Kurt Schumacher die SPD in den Westzonen wieder auf — ein Mann, den zehn Jahre KZ gezeichnet hatten, aber nicht gebrochen. In der Sowjetischen Besatzungszone erzwang die SED 1946 die Zwangsvereinigung von SPD und KPD. Schumacher lehnte jede Zusammenarbeit mit Kommunisten ab, bis zu seinem Tod 1952.
Der entscheidende Bruch kam 1959. Das Godesberger Programm beerdigte den Marxismus und öffnete die SPD zur Volkspartei. Bekenntnis zur Marktwirtschaft, zur Landesverteidigung, zur Westbindung. Es war die pragmatischste Entscheidung der Parteigeschichte — und die erfolgreichste. Ohne Godesberg hätte es Willy Brandt im Kanzleramt nie gegeben.
Brandt, Schmidt und die goldene Ära (1969–1982)
1969 wurde Willy Brandt Kanzler. Seine Ostpolitik — „Wandel durch Annäherung“ — brachte ihm den Friedensnobelpreis. Sein Kniefall von Warschau 1970, vor dem Mahnmal des Warschauer Ghettos, wurde zum vielleicht berühmtesten Bild der deutschen Nachkriegsgeschichte. Innenpolitisch trieb Brandt Bildungsreformen und Mitbestimmung voran. Sein Rücktritt 1974, nach der Guillaume-Spionage-Affäre, beendete eine Epoche, die viele SPD-Mitglieder bis heute als das goldene Zeitalter der Partei betrachten.
Helmut Schmidt regierte von 1974 bis 1982: Ölkrise, RAF-Terror, NATO-Doppelbeschluss. Schmidt war kein Visionär, er war Krisenmanager. Der Doppelbeschluss zerriss schließlich die Koalition mit der FDP und das Verhältnis zur eigenen Basis. Bemerkenswert ist, dass Schmidt heute überparteilich als einer der besten Kanzler der Bundesrepublik gilt — während ihn seine eigene Partei 1982 im Stich ließ.
Die Wüstenjahre und die Neue Mitte (1982–2005)
16 Jahre Opposition unter Helmut Kohl. Die SPD suchte ihre Identität, verschliss Kanzlerkandidaten (Rau, Lafontaine, Scharping) und fand sie erst mit Gerhard Schröder. Sein Wahlsieg 1998 mit dem Versprechen der „Neuen Mitte“ brachte Rot-Grün an die Macht: Atomausstieg, Lebenspartnerschaft — und die Agenda 2010, die die Arbeitslosigkeit senkte, die Partei aber spaltete wie nichts zuvor seit Godesberg.
Die Hartz-Reformen kosteten die SPD Hunderttausende Mitglieder. Oskar Lafontaine gründete die WASG, später Die Linke. Es war der teuerste Reformerfolg der deutschen Parteigeschichte.
SPD und Gewerkschaften: eine strategische Partnerschaft mit Bruchlinien
Die enge Verbindung zur Gewerkschaftsbewegung ist ein zentrales Merkmal der SPD-Geschichte — und ein dauerhafter Spannungsquell. Historisch entstand die Partei parallel zur organisierten Arbeiterbewegung: Der DGB (Vorläufer ADGB) und SPD galten lange als zwei Seiten einer Medaille. Diese Verbindung bescherte der SPD eine stabile, loyale Wählerbasis.
Die Bruchlinien zeigten sich bei der Agenda 2010: Hartz IV und die Lockerung des Kündigungsschutzes waren gegen den expliziten Widerstand der großen Einzelgewerkschaften wie ver.di und IG Metall. Schröder setzte die Reformen trotzdem durch — und verlor damit Teile des Milieus, das die SPD seit 1863 getragen hatte.
Die Gründung der WASG (später Die Linke) unter Oskar Lafontaine 2004/05 war auch ein Projekt gewerkschaftlicher Aktivisten, die die SPD verlassen hatten. Seither ist das Gewerkschaftsmilieu in der deutschen Parteienlandschaft zwischen SPD, Linke und zum Teil AfD gespalten — eine Verschiebung, die keine der anderen großen europäischen Sozialdemokratien in dieser Schärfe erlebt hat.
Unter Merkel und zurück ins Kanzleramt (2005–2025)
Dreimal Juniorpartner in Großen Koalitionen unter Merkel. Die SPD setzte Projekte durch — Mindestlohn, Rente mit 63 — und wurde trotzdem immer schwächer. Im Sommer 2021 lag sie bei 15% in den Umfragen. Dann begann die unwahrscheinlichste Aufholjagd der jüngeren Wahlgeschichte: Olaf Scholz wurde Kanzler einer Ampelkoalition mit Grünen und FDP.
Die Ampel zerbrach Ende 2024. Bei der Bundestagswahl 2025 erhielt die SPD 20,5 Prozent — ihr schlechtestes Ergebnis seit Jahrzehnten. Sie wurde Juniorpartner in einer Großen Koalition unter Kanzler Friedrich Merz (CDU). Ob die älteste Partei Deutschlands noch einmal zurückfindet, oder ob ihr Abstieg dem der europäischen Schwesterparteien folgt — in Frankreich, Italien, den Niederlanden —, ist die offene Frage der deutschen Politik.
1863: Gründung der SPD als erste Massenpartei der Welt
Am 23. Mai 1863 wurde in Leipzig der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein gegründet – die Vorläuferorganisation der SPD. Ferdinand Lassalle wurde erster Präsident. Es war die erste Massenpartei der Welt mit formalen Mitgliedsbeiträgen, Ortsgruppen und einem demokratisch gewählten Führungsgremium. 1878 verbot Reichskanzler Bismarck die SPD durch das Sozialistengesetz – 12 Jahre lang war sie illegal, traf sich im Untergrund und im Exil. 1890 wurde das Verbot aufgehoben, die SPD gewann sofort 19,7 Prozent der Reichstagsstimmen. Keine andere Partei in Deutschland hat ein älteres Gründungsdatum oder eine längere Geschichte der Verfolgung.
2025: SPD als Juniorpartner – das schwächste Ergebnis der Nachkriegszeit
Bei der Bundestagswahl am 23. Februar 2025 erreichte die SPD 20,5 Prozent und 158 Sitze – ihr schlechtestes Ergebnis seit der Adenauer-Ära. Als Juniorpartner in der Großen Koalition unter Friedrich Merz (CDU) trägt sie Regierungsverantwortung, verliert aber programmatisches Profil. Parteiintern wächst der Druck: In Umfragen liegt die SPD Anfang 2026 nur noch bei 12 Prozent. Parallel steigen AfD und BSW. Die SPD sucht eine Antwort auf die Frage, die seit der Agenda 2010 offen ist: Für wen ist diese Partei noch da?
Häufige Fragen
Wann wurde die SPD gegründet?
Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) wurde am 23. Mai 1863 von Ferdinand Lassalle in Leipzig gegründet. 1875 vereinigte er sich mit der SDAP zur Sozialistischen Arbeiterpartei, die sich 1890 in SPD umbenannte.
Welche SPD-Kanzler gab es?
Die SPD stellte vier Bundeskanzler: Willy Brandt (1969–1974), Helmut Schmidt (1974–1982), Gerhard Schröder (1998–2005) und Olaf Scholz (2021–2025). In der Weimarer Republik war Friedrich Ebert Reichspräsident.
Was war das Godesberger Programm?
Das Godesberger Programm von 1959 markierte die Wandlung der SPD von einer marxistischen Arbeiterpartei zur Volkspartei. Die SPD bekannte sich zur Marktwirtschaft und öffnete sich für breitere Wählerschichten.
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