Grüne Wahlergebnisse nach Bundesländern — Hochburgen und Schwächen
In Stuttgart regiert ein Grüner. In Sachsen wählen 5 % grün. Zwei Welten, eine Partei. Kein Vergleich macht die inneren Widersprüche der Grünen so sichtbar wie der Blick auf die Landkarte.
32,6 % in Baden-Württemberg, 3,2 % in Thüringen — zwischen dem besten und dem schlechtesten Landtagsergebnis liegen fast 30 Prozentpunkte. Diese Kluft ist bei den Grünen ausgeprägter als bei jeder anderen Partei. Sie erzählt von einer Partei, die in bestimmten Milieus dominant ist und in anderen praktisch nicht existiert.
Key-Facts: Grüne regional
- Stärkste Hochburg: Baden-Württemberg (32,6 % bei LTW 2021)
- Weitere Hochburgen: Hamburg, Bremen, Berlin, Schleswig-Holstein
- Schwächste Region: Ostdeutschland (oft unter 8 %)
- Ministerpräsident: Winfried Kretschmann (BaWü, seit 2011)
- Muster: Stark in Universitätsstädten, schwach auf dem Land
Die Ergebnisse im Überblick
| Bundesland | Letzte LTW | Ergebnis | Trend | Regierung |
|---|---|---|---|---|
| Baden-Württemberg | 2021 | 32,6 % | +2,3 | Ministerpräsident |
| Berlin | 2023 | 18,4 % | −0,2 | Opposition |
| Schleswig-Holstein | 2022 | 18,3 % | +5,0 | Schwarz-Grün |
| Nordrhein-Westfalen | 2022 | 18,2 % | +11,8 | Schwarz-Grün |
| Hessen | 2023 | 14,8 % | −5,0 | Opposition |
| Niedersachsen | 2022 | 14,5 % | +5,8 | Rot-Grün |
| Bayern | 2023 | 14,4 % | −3,2 | Opposition |
| Bremen | 2023 | 11,7 % | −5,2 | Rot-Grün-Rot |
| Hamburg | 2025 | 11,6 % | −12,1 | Rot-Grün |
| Rheinland-Pfalz | 2021 | 9,3 % | +4,0 | Ampel |
| Mecklenburg-Vorpommern | 2021 | 6,3 % | +1,6 | Opposition |
| Sachsen-Anhalt | 2021 | 5,9 % | +0,7 | Opposition |
| Sachsen | 2024 | 5,1 % | −3,5 | Opposition |
| Saarland | 2022 | 4,99 % | −0,1 | Knapp gescheitert |
| Brandenburg | 2024 | 4,1 % | −6,6 | Unter 5 % |
| Thüringen | 2024 | 3,2 % | −2,0 | Unter 5 % |
Der Südwesten: Kretschmanns Sonderrolle
Baden-Württemberg ist für die Grünen, was Bayern für die CSU ist: eine Festung. Winfried Kretschmann regiert seit 2011, und sein Erfolg beruht auf einer Formel, die kein anderer Grüner repliziert hat — konservative Werte mit ökologischer Modernisierung verbinden. In Freiburg, Tübingen und Heidelberg sind die Grünen so dominant, dass andere Parteien um den zweiten Platz kämpfen. Das ist beeindruckend. Es wirft aber die Frage auf, wie viel davon an Kretschmann persönlich hängt — und was nach ihm kommt.
Die Stadtstaaten: Erwartbar stark
In Hamburg, Bremen und Berlin erreichen die Grünen zuverlässig zweistellige Ergebnisse. Die Wählerstruktur erklärt warum: urban, akademisch, jung — alle drei Stadtstaaten liefern genau dieses Milieu. Hamburg ist allerdings ein Warnsignal: Von 24,2 % im Jahr 2020 auf 11,6 % in 2025. Fast halbiert in fünf Jahren.
Der Osten: Die Fünf-Prozent-Falle
In Ostdeutschland kämpfen die Grünen nicht um Regierungsbeteiligungen, sondern ums Überleben. Thüringen 3,2 %, Brandenburg 4,1 % — in zwei von drei ostdeutschen Landtagswahlen 2024 flogen sie aus dem Parlament. Die Gründe sind strukturell: weniger Akademiker, weniger Großstädte, andere Prioritäten. Dort, wo wirtschaftliche Sicherheit das Wahlverhalten dominiert, haben die Grünen wenig anzubieten. Oder genauer: Sie werden so wahrgenommen, als hätten sie wenig anzubieten.
Diese regionale Spaltung ist kein neues Phänomen, aber sie verschärft sich. Während die Grünen im Westen in den 2020er Jahren zulegen konnten — NRW sprang von 6,4 % auf 18,2 % — ging es im Osten in die andere Richtung. Die Partei steht vor einem grundlegenden strategischen Dilemma: Soll sie ihr westliches, urbanes Kernmilieu vertiefen oder versuchen, jenseits davon Wähler zu gewinnen? Beides gleichzeitig ist bisher niemandem gelungen.
16 Tage, die Baden-Württemberg veränderten: Fukushima 2011
Kein Wahlergebnis der Grünen ist ohne sein Datum erklärbar. Am 11. März 2011 begann im japanischen Fukushima Daiichi die schwerste Kernschmelze der jüngeren Geschichte. Drei Reaktoren explodierten, hunderttausende Menschen mussten evakuiert werden. Genau 16 Tage später, am 27. März 2011, fand in Baden-Württemberg die Landtagswahl statt.
Die Grünen erhielten 24,2 % — mehr als doppelt so viel wie bei der vorherigen Wahl 2006 (11,7 %). Die CDU, die Baden-Württemberg seit 1953 ununterbrochen regiert hatte — 58 Jahre lang, länger als jede Regierungspartei in einem deutschen Bundesland seither — verlor ihre absolute Mehrheit. Winfried Kretschmann wurde am 12. Mai 2011 als erster grüner Ministerpräsident in der Geschichte der Bundesrepublik vereidigt.
Der direkte Zusammenhang zur Atomkatastrophe war messbar: In den Tagen nach Fukushima schnellten die Grünen in allen Umfragen bundesweit nach oben. Bundeskanzlerin Angela Merkel verku¨ndete wenige Wochen später das sofortige Moratorium für sieben ältere AKWs — eine politische Entscheidung, die direkt aus dem Schock der Wahl resultierte. Der endgültige Atomausstieg 2022 begann am 27. März 2011 in Stuttgart.
Das Paradox des grünen Wachstums
Das Baden-Württemberg-Wunder 2011 zeigt das Grundprinzip grüner Wahlgeographie: Die Partei braucht einen externen Anstoß — eine Katastrophe, einen Skandal, eine öffentliche Debatte, die ihre Kernthemen plötzlich universell macht. Klimaschutz, Fukushima, COVID-Umweltpolitik: Jede der großen grünen Wahlsiege folgte einem Ähnlichen Muster. Ohne Krise kein Wachstum über das Stammwählermilieu hinaus.
Umgekehrt gilt: Was durch Krise gewonnen wird, kann durch Normalität verloren gehen. Hamburg 2025 (11,6 % nach 24,2 % 2020) ist das Gegenbild zu BaWü 2011. Kein Fukushima, keine Klimakrise im Vordergrund, keine Bedrohung — und die Leihstimmen kehrten zurück.
2021: Gruene in Bayern und Baden-Wuerttemberg nahe 20 – in Sachsen und Thueringen unter 6
Bei der Bundestagswahl 2021 erhielten die Gruenen in Bayern 18,4 Prozent, in Baden-Wuerttemberg 17,5 Prozent und in Hamburg 24,2 Prozent. Gleichzeitig: In Sachsen 5,9 Prozent, in Thueringen 6,0 Prozent, in Sachsen-Anhalt 6,4 Prozent. Die Spannweite von 18 Prozentpunkten zwischen West und Ost war groesser als bei jeder anderen Partei. Soziologen erklaerten: In Ostdeutschland verbanden viele Waehler Klimaschutz-Massnahmen mit wirtschaftlichen Einschraenkungen – Hintergrund der Deindustrialisierung nach der Wende. Die Gruenen waren zur am staerksten regional gespaltenen Partei Deutschlands geworden.
BTW 2025: Grüne auf 11,6 % – zwischen urbaner Stärke und Ost-Schwäche
Bei der Bundestagswahl 2025 erhielten die Grünen bundesweit 11,6 Prozent. Das regionale Muster blieb stabil: In Baden-Württemberg und Hamburg deutlich über dem Bundesschnitt, in Bayern solide, in Ostdeutschland zumeist unter 6 Prozent. In den neuen Bundesländern ist die Partei strukturell schwach — fehlende Akademiker-Milieus, niedrige Kirchenbindung und die starke AfD lassen kaum Raum. Die Grünen verloren im Vergleich zu 2021 (14,8 %) deutlich, vor allem an SPD und CDU. Sie gingen nach dem Ende der Ampel-Koalition in die Opposition — zum ersten Mal seit 2013 ohne Regierungsbeteiligung auf Bundesebene.
Häufige Fragen
In welchem Bundesland sind die Grünen am stärksten?
Baden-Württemberg ist die stärkste Hochburg der Grünen. Dort stellen sie seit 2011 mit Winfried Kretschmann den Ministerpräsidenten. Bei der Landtagswahl 2021 erreichten sie 32,6 % und wurden stärkste Partei.
Wie schneiden die Grünen in Ostdeutschland ab?
In den ostdeutschen Bundesländern sind die Grünen deutlich schwächer als im Westen. Bei Landtagswahlen erreichen sie dort oft nur 4 bis 8 %. In Thüringen und Brandenburg lagen sie 2024 unter der 5-%-Hürde.
In welchen Bundesländern regieren die Grünen mit?
Stand 2026 sind die Grünen in mehreren Landesregierungen vertreten, darunter Baden-Württemberg (als stärkste Partei), Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen als Koalitionspartner.
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