Alle SPD-Vorsitzenden — Vollständige Liste seit 1863
Key-Facts: SPD-Vorsitzende
- Erster Vorsitzender: August Bebel (ab 1892)
- Längste Amtszeit: Willy Brandt (23 Jahre, 1964–1987)
- Kürzeste Amtszeit: Andrea Nahles (~13 Monate, 2018–2019)
- Erste Frau: Andrea Nahles (2018)
- Aktuelle Führung: Lars Klingbeil & Saskia Esken (Doppelspitze seit 2021)
Von August Bebel bis Lars Klingbeil: Die Liste der SPD-Vorsitzenden liest sich wie ein Geschichtsbuch — mit Höhen, Tragödien und einem Mord. Ferdinand Lassalle, Gründer des Vorläufer-Vereins, starb 1864 im Duell. Rosa Luxemburg, eine der prägendsten Figuren der Arbeiterbewegung, wurde 1919 von Freikorps-Soldaten ermordet. Otto Wels hielt 1933 die letzte freie Rede im Reichstag, bevor die Nazis alles erstickten. Es ist eine Liste, die mehr über Deutschland erzählt als über eine Partei.
Vor der SPD: Die Gründerväter (1863–1890)
Ferdinand Lassalle gründete 1863 den ADAV, starb ein Jahr später. Die SDAP entstand 1869 unter Bebel und Liebknecht. Nach der Vereinigung 1875 in Gotha existierte die Partei zunächst ohne formalen Einzelvorsitzenden — erst 1892, nach Aufhebung der Sozialistengesetze, wählte die umbenannte SPD offiziell ihren ersten Parteichef.
Die vollständige Liste
| Nr. | Name | Amtszeit | Dauer | Anmerkung |
|---|---|---|---|---|
| 1 | August Bebel | 1892–1913 | 21 Jahre | Mitbegründer, längste Amtszeit |
| 2 | Hugo Haase | 1911–1916 | 5 Jahre | Co-Vorsitzender |
| 3 | Philipp Scheidemann | 1911–1918 | 7 Jahre | Rief 1918 die Republik aus |
| 4 | Friedrich Ebert | 1913–1919 | 6 Jahre | Erster Reichspräsident |
| 5 | Hermann Müller | 1919–1928 | 9 Jahre | Zweimal Reichskanzler |
| 6 | Arthur Crispien | 1919–1922 | 3 Jahre | Co-Vorsitzender |
| 7 | Otto Wels | 1919–1939 | 20 Jahre | Rede gegen Ermächtigungsgesetz, Exil |
| 8 | Hans Vogel | 1931–1945 | 14 Jahre | Führte Partei im Londoner Exil |
| 9 | Kurt Schumacher | 1946–1952 | 6 Jahre | Neugründer nach 1945 |
| 10 | Erich Ollenhauer | 1952–1963 | 11 Jahre | Godesberger Programm 1959 |
| 11 | Willy Brandt | 1964–1987 | 23 Jahre | Kanzler, Friedensnobelpreis |
| 12 | Hans-Jochen Vogel | 1987–1991 | 4 Jahre | Übergang nach Brandt |
| 13 | Björn Engholm | 1991–1993 | 2 Jahre | Rücktritt (Barschel-Affäre) |
| 14 | Rudolf Scharping | 1993–1995 | 2 Jahre | Erster per Mitgliedervotum |
| 15 | Oskar Lafontaine | 1995–1999 | 4 Jahre | Rücktritt als Finanzminister + Vorsitzender |
| 16 | Gerhard Schröder | 1999–2004 | 5 Jahre | Kanzler, Agenda 2010 |
| 17 | Franz Müntefering | 2004–2005 | 1 Jahr | Erste Amtszeit |
| 18 | Matthias Platzeck | 2005–2006 | <1 Jahr | Gesundheitliche Gründe |
| 19 | Kurt Beck | 2006–2008 | 2 Jahre | — |
| 20 | Franz Müntefering | 2008–2009 | 1 Jahr | Zweite Amtszeit |
| 21 | Sigmar Gabriel | 2009–2017 | 8 Jahre | Längste Amtszeit seit Brandt |
| 22 | Martin Schulz | 2017–2018 | 1 Jahr | „Schulz-Effekt“ |
| 23 | Andrea Nahles | 2018–2019 | ~13 Mon. | Erste Frau an der SPD-Spitze |
| 24 | N. Walter-Borjans & S. Esken | 2019–2021 | 2 Jahre | Erste Doppelspitze |
| 25 | Lars Klingbeil & Saskia Esken | seit 2021 | laufend | Aktuelle Doppelspitze |
Die Prägenden
August Bebel führte die SPD 21 Jahre durch die Sozialistengesetze hindurch und machte sie zur stärksten Reichstagsfraktion. Sein Buch „Die Frau und der Sozialismus“ war ein frühes Manifest für Frauenrechte. Willy Brandt hielt den Rekord: 23 Jahre Parteivorsitz, davon nur fünf als Kanzler. Die übrigen 18 blieb er Parteichef ohne Regierungsamt — eine Konstellation, die seinen Nachfolger Schmidt zeitweise in den Wahnsinn trieb.
Die Turbulenz-Jahre (2017–2019)
Martin Schulz, Andrea Nahles, dann die Doppelspitze — drei Wechsel in zwei Jahren. Schulz kam mit 100% Zustimmung und ging nach der gescheiterten Jamaika-Sondierung. Nahles übernahm als erste Frau an der SPD-Spitze und warf nach 13 Monaten hin, zermürbt von schlechten Wahlergebnissen und innerparteilichem Widerstand. Die Mitgliederbefragung 2019 brachte dann die Überraschung: Nicht die Favoriten Scholz und Geywitz gewannen, sondern die Außenseiter Walter-Borjans und Esken. Es war ein Aufstand der Basis gegen das Establishment — und funktionierte besser, als die meisten erwartet hatten.
Der Nahles-Moment: Wie eine Vorsitzende gejagt wurde
Andrea Nahles' Abgang am 2. Juni 2019 war einmalig in der Geschichte der SPD: Sie erklärte ihren Rücktritt, bevor sie offiziell abgewählt werden konnte — ein präzedenzloser Schritt. Der direkte Auslöser war eine Sitzung der Bundestagsfraktion am vorherigen Tag, in der die eigene Fraktion ihr das Vertrauen entzog. Nahles schrieb in ihrer Rücktrittserklärung: „Die Diskussion in der Fraktion und die vielen Rückmeldungen aus der Partei haben mir gezeigt, dass das nötige Vertrauen in meine Arbeit als Fraktions- und Parteivorsitzende nicht vorhanden ist.“
Was viele überrascht: Nahles hatte erst im April 2018 mit 66,35% als erste Frau die SPD-Spitze übernommen. 13 Monate später war sie weg. Was ihren Sturz beschleunigte, waren drei Niederlagen in Folge (Bayern, Hessen, Europawahl 2019 mit 15,8%), kombiniert mit einem internen Kommunikationsstil, den viele SPD-Politiker als zu rau empfanden. Ihr berühmter Satz aus der Opposition „Ab morgen kriegen wir euch“ symbolisierte eine Aggressivität, die in der eigenen Partei männlichen Vorgängern nie angekreidet worden wäre.
Der Nahles-Fall wirft eine bis heute ungelöste Frage auf: Werden Frauen an der SPD-Spitze nach anderen Maßstäben beurteilt als Männer? Sigmar Gabriel hielt ähnliche Umfragewerte über Jahre durch. Gerhard Schröder überstand die Agenda-2010-Katastrophe als Parteichef erst, nachdem er als Kanzler abgewählt wurde. Nahles hatte keine dieser Schonzeiten.
Doppelspitze: Experiment oder Zukunftsmodell?
Seit 2019 wird die SPD von zwei gleichberechtigten Vorsitzenden geführt, wobei mindestens eine Frau vertreten sein muss. Die Grünen und die Linke praktizierten das Modell schon länger. Ob es sich in einer Partei bewährt, die traditionell auf starke Einzelführer setzte — Bebel, Brandt, Schröder —, bleibt eine offene Frage. Ein Indiz: Olaf Scholz wurde Kanzler, ohne Parteivorsitzender zu sein. Die eigentliche Macht lag im Kanzleramt, nicht in der Parteizentrale.
2018: SPD waehlt nach Andrea Nahles Doppelspitze – neues Modell, neue Probleme
Nach dem Ruecktritt von Andrea Nahles im Juni 2019 – ausgeloest durch massiven Fraktionsdruck – fuehrte die SPD erstmals in ihrer Geschichte eine offene Mitgliederbefragung ueber die Parteifuehrung durch. 17 Kandidatenduos stellten sich vor. Gewinner: Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans mit 53,1 Prozent der Stimmen. Es war das erste Mal, dass eine SPD-Vorsitzende durch direkte Mitgliederwahl bestimmt wurde. Die Wahlbeteiligung: 54 Prozent der 425.000 Mitglieder. Esken und Walter-Borjans fuehrten die Partei durch die Coronajahre bis 2021, als Olaf Scholz als Kanzlerkandidat die Fuehrung uebernahm.
2007: Parteimitgliedschaft – vom Massenphänomen zur Randerscheinung
Die deutschen Volksparteien hatten in den 1970er Jahren ihre Mitglieder-Hochzeit: SPD 1976 über 1 Million Mitglieder, CDU ähnlich. 2024: SPD noch 363.000, CDU 371.000, Grüne 125.000, FDP 72.000. Die Parteimitgliedschaft ist dramatisch geschrumpft. Gründe: Distanzierung von Institutionen, Social Media als Alternativkanal, wahrgenommene Unfähigkeit der Parteien. Gleichzeitig: Die AfD wuchs auf 40.000+ Mitglieder. BSW hat bewusst wenige Mitglieder (Oligarchie-Partei-Modell). Das Parteisystem ist unter Druck – aber die Parteien sind unverzichtbar. Ohne sie keine parlamentarische Demokratie.
Häufige Fragen
Wer ist der aktuelle SPD-Vorsitzende?
Seit 2021 führen Lars Klingbeil und Saskia Esken die SPD als Doppelspitze. Es ist das erste Mal in der Parteigeschichte, dass eine gleichberechtigte Doppelspitze über mehrere Jahre die Partei führt.
Wer war der am längsten amtierende SPD-Vorsitzende?
Formal Willy Brandt mit 23 Jahren (1964–1987), gefolgt von August Bebel mit 21 Jahren (1892–1913). Beide prägten die Partei über Jahrzehnte.
Seit wann hat die SPD eine Doppelspitze?
Die SPD führte 2019 erstmals eine Doppelspitze ein. Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken wurden im Dezember 2019 per Mitgliedervotum gewählt. Seit 2021 bilden Lars Klingbeil und Saskia Esken die Doppelspitze.
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