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Politikerin bei einer Rede im Plenum des Bundestags

Rot-Grün 1998–2005 — Die Reform-Ära Schröder/Fischer

Key-Facts: Rot-Grün 1998–2005

  • Partner: SPD + Bündnis 90/Die Grünen
  • Kanzler: Gerhard Schröder (SPD)
  • Außenminister: Joschka Fischer (Grüne)
  • Amtszeit: 27. Oktober 1998 – 22. November 2005 (zwei Legislaturperioden)
  • Prägende Reformen: Agenda 2010, Atomausstieg, Kosovo-Einsatz, Ökosteuer
  • Ende: Vorgezogene Neuwahlen nach verlorener Vertrauensfrage

Es war die Regierung der Jahrtausendwende — und sie veränderte alles. Die rot-grüne Koalition unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer war die reform-intensivste Regierung der jüngeren Bundesrepublik. In sieben Jahren veränderte sie Deutschland grundlegend — vom Arbeitsmarkt über die Energiepolitik bis zur Außenpolitik. Am Ende zahlte die SPD einen hohen Preis: Die Agenda 2010 spaltete die Partei und führte zur Gründung der Linkspartei.

Der Aufbruch: Machtwechsel nach 16 Jahren Kohl

Die Bundestagswahl 1998 war ein historischer Einschnitt. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik wurde eine amtierende Regierung komplett abgewählt — nicht durch Koalitionswechsel, sondern durch das Votum der Wähler. Die SPD unter Schröder erreichte 40,9%, die Grünen 6,7%. Zusammen hatten sie eine komfortable Mehrheit.

Es war die erste rot-grüne Koalition auf Bundesebene. Was in Hessen und Niedersachsen erprobt worden war, wurde nun auf die gesamte Bundesrepublik übertragen. Ein ehemaliger Straßenkämpfer aus Frankfurt wurde Außenminister. Ein Niedersachse, der sein Politikstudium nie abschloss, wurde Kanzler. Die Erwartungen waren enorm: Modernisierung, Gerechtigkeit, ökologischer Umbau.

Erste Legislaturperiode 1998–2002

Kosovo-Einsatz: Grüne im Zwiespalt

Bereits wenige Monate nach Amtsantritt stand die Koalition vor einer Zerreißprobe: Der Kosovo-Krieg zwang die Regierung, über den ersten Kampfeinsatz der Bundeswehr seit dem Zweiten Weltkrieg zu entscheiden. Ausgerechnet eine Regierung mit starken pazifistischen Wurzeln schickte deutsche Soldaten in den Krieg.

Auf einem legendären Grünen-Parteitag in Bielefeld wurde Außenminister Fischer mit einem Farbbeutel beworfen. Sein Satz „Ich habe gelernt: Nie wieder Auschwitz“ wurde zum Schlüsselmoment. Die Grünen stimmten am Ende zu — knapp.

Gesellschaftspolitische Reformen

ReformJahrInhalt
Ökosteuer1999Besteuerung von Energie, Entlastung bei Rentenversicherung
Staatsbürgerschaftsrecht2000Ius soli für in Deutschland geborene Kinder
Lebenspartnerschaftsgesetz2001Eingetragene Partnerschaft für gleichgeschlechtliche Paare
Atomausstieg2000/2002Vereinbarung mit Energiekonzernen, Laufzeitbegrenzung
Erneuerbare-Energien-Gesetz2000Einspeisevergütung für Wind, Solar, Biomasse
Riester-Rente2001Staatlich geförderte private Altersvorsorge

Die Wahl 2002 gewann Rot-Grün knapp — auch dank Schröders klarer Absage an eine Beteiligung am Irak-Krieg und der geschickten Krisenreaktion beim Elbe-Hochwasser.

Paar im Berliner Park im Gespräch über Politik und Zukunft
Die rot-grünen Jahre veränderten den Alltag vieler Menschen — von der Ökosteuer bis zur Hartz-Reform.

Zweite Legislaturperiode 2002–2005: Die Agenda 2010

Am 14. März 2003 hielt Gerhard Schröder eine Regierungserklärung, die Deutschland verändern sollte: die Agenda 2010. Angesichts von 5 Millionen Arbeitslosen und einer stagnierenden Wirtschaft kündigte er das größte Reformpaket der Nachkriegsgeschichte an.

Die Kernelemente der Agenda 2010:

  • Hartz I–IV: Komplette Reform der Arbeitsvermittlung, Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II („Hartz IV“), verschärfte Zumutbarkeitsregeln
  • Gesundheitsreform: Praxisgebühr, Zuzahlungen, Leistungskürzungen
  • Handwerksrecht: Liberalisierung der Meisterpflicht
  • Steuerreform: Senkung des Spitzensteuersatzes von 53% auf 42%

Die Spaltung der SPD

Die Agenda 2010 spaltete die SPD bis ins Mark. Gewerkschaften, der linke Flügel und viele Stammwähler fühlten sich verraten. Die Folgen waren dramatisch:

  • 2004: Gründung der WASG (Wahlalternative Arbeit und soziale Gerechtigkeit) durch enttäuschte SPD-Mitglieder und Gewerkschafter
  • 2005: Die WASG fusionierte später mit der PDS zur Partei „Die Linke“
  • Mitgliederschwund: Die SPD verlor zwischen 2003 und 2005 über 80.000 Mitglieder
  • Landtagswahlen: Schwere Verluste in NRW (Mai 2005), dem SPD-Stammland

Die Wahlniederlage in Nordrhein-Westfalen im Mai 2005 war der Auslöser für Schröders Entscheidung, die Vertrauensfrage zu stellen. Er verlor sie am 1. Juli 2005 planmäßig, um Neuwahlen herbeizuführen.

Die Wahlniederlage 2005

Die Bundestagswahl am 18. September 2005 war eine der knappsten der Geschichte:

Partei20022005Veränderung
SPD38,5%34,2%−4,3%
CDU/CSU38,5%35,2%−3,3%
Grüne8,6%8,1%−0,5%
FDP7,4%9,8%+2,4%
Linke/PDS4,0%8,7%+4,7%

Weder Rot-Grün noch Schwarz-Gelb hatten eine Mehrheit. Die Linke als neuer Faktor machte beide Lager regierungsunfähig. Das Ergebnis: Die erste Große Koalition unter Angela Merkel.

Pro und Contra: Bilanz der Ära Schröder/Fischer

Kaum eine Regierung wird so kontrovers bewertet wie Rot-Grün 1998–2005. Die einen sehen in der Agenda 2010 die Grundlage für Deutschlands wirtschaftlichen Erfolg der folgenden 15 Jahre. Die anderen halten sie für den Beginn einer sozialpolitischen Abwärtsspirale. Die folgende Pro/Contra-Übersicht fasst die wichtigsten Argumente beider Seiten zusammen.

Pro: Was für Rot-Grün spricht

  • Arbeitsmarkt: Die Hartz-Reformen senkten die Arbeitslosenquote langfristig von über 11% auf unter 5%. Deutschland wurde zum „Beschäftigungswunder“ Europas.
  • Energiewende: Das EEG machte Deutschland zum globalen Vorreiter. Ohne rot-grüne Weichenstellung wäre der Ausbau erneuerbarer Energien kaum möglich gewesen.
  • Gesellschaftlicher Aufbruch: Lebenspartnerschaft, Staatsbürgerschaftsrecht, Ökosteuer — viele Reformen waren Vorreiter für spätere Entwicklungen (Ehe für alle, doppelte Staatsbürgerschaft).
  • Außenpolitik: Das „Nein“ zum Irak-Krieg stärkte Deutschlands Ruf als besonnene Mittelmacht und verhinderte eine Verwicklung in einen desaströsen Konflikt.
  • Reformmut: Schröder riskierte seine Kanzlerschaft für die Agenda 2010. Ein solches Maß an politischem Mut ist in der deutschen Politik selten — und wurde von keinem Nachfolger wiederholt.
  • Modernisierung: Deutschland bewegte sich von einer konservativ-verkrusteten Gesellschaft zu einem offeneren, liberaleren Land. Die rot-grünen Jahre waren kulturell prägend.

Contra: Was gegen Rot-Grün spricht

  • Soziale Härten: Hartz IV schüf einen Niedriglohnsektor, der Millionen Beschäftigte in prekäre Verhältnisse drängte. Der Abstand zwischen Arm und Reich vergrößerte sich.
  • Parteispaltung: Die Agenda spaltete die SPD bis ins Mark. Die Gründung der WASG/Linkspartei kostete die SPD dauerhaft 5–10% der Wähler.
  • Riester-Rente: Die staatlich geförderte Privatvorsorge erwies sich als Fehlschlag. Hohe Kosten, niedrige Renditen, kaum Verbreitung in der Zielgruppe.
  • Kosovo und Afghanistan: Die Militäreinsätze widersprachen dem pazifistischen Selbstverständnis beider Parteien und hinterließen fragwürdige außenpolitische Ergebnisse.
  • Privatisierung: Die Teilprivatisierung der Deutschen Bahn und anderer öffentlicher Einrichtungen wird heute kritisch gesehen — die Bahn-Infrastruktur verfiel in den Folgejahren massiv.
  • Vertrauensbruch: Die SPD hatte 1998 als Partei der sozialen Gerechtigkeit gewonnen. Die Agenda 2010 wurde von vielen Stammwählern als Verrat empfunden — ein Trauma, das die Partei bis heute prägt.

Das Erbe von Rot-Grün im Detail

Im Rückblick wird die Bilanz von Rot-Grün heute differenzierter bewertet als zum Zeitpunkt des Abgangs:

  • Agenda 2010: Wirtschaftlich langfristig erfolgreich. Deutschland wurde zum „Arbeitsmarktwunder“ Europas. Sozial jedoch umstritten — Hartz IV prägte eine ganze Generation von Langzeitarbeitslosen.
  • Atomausstieg: Wurde von Schwarz-Gelb zunächst revidiert, nach Fukushima aber wieder eingeführt. Die letzten Kernkraftwerke gingen 2023 vom Netz.
  • Erneuerbare Energien: Das EEG machte Deutschland zum weltweiten Vorreiter. Ohne rot-grüne Weichenstellung wäre der Energiewandel kaum möglich gewesen.
  • Gesellschaftspolitik: Lebenspartnerschaft, Staatsbürgerschaft, Ökosteuer — viele Reformen waren Vorreiter für spätere Entwicklungen.
  • Außenpolitik: Das deutsche „Nein“ zum Irak-Krieg stärkte Deutschlands Ruf in der Welt — beschädigte aber das Verhältnis zu den USA nachhaltig.

Die historische Einordnung verschiebt sich mit den Jahren. Während die Agenda 2010 bei ihrem Beschluss massiv unpopulär war, bewerten Wirtschaftswissenschaftler sie heute überwiegend positiv. Andere EU-Länder (Frankreich, Spanien, Italien) versuchten in den 2010er-Jahren, ähnliche Arbeitsmarktreformen durchzusetzen — oft mit Verweis auf das deutsche Modell. Gleichzeitig hat die Corona-Pandemie gezeigt, dass der durch Hartz IV entstandene Niedriglohnsektor in Krisenzeiten besonders verwundbar ist: Millionen Beschäftigte in Minijobs und befristeten Verhältnissen verloren von einem Tag auf den anderen ihr Einkommen.

Für die SPD war Rot-Grün der Beginn eines langen Niedergangs. Von 40,9% (1998) fiel sie bis 2017 auf 20,5%. Erst 2021 erholte sie sich unter Olaf Scholz auf 25,7% — um in der Ampel-Koalition erneut Federn zu lassen. Bei der Bundestagswahl 2025 erhielt die SPD 20,5% und wurde unter Juniorpartner Friedrich Merz Teil der fünften Großen Koalition.

14. Mai 2003: Schröder kündigt Hartz IV an — ohne die Grünen zu fragen

Als Gerhard Schröder am 14. März 2003 vor dem Bundestag seine „Agenda 2010“-Rede hielt, erfuhren die Grünen das volle Ausmaß der geplanten Sozialreformen aus dem Fernsehen — wie alle anderen auch. Die Koalitionspartnerin hatte er vorab nicht vollständig informiert. Joschka Fischer war entsetzt: Die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zum späteren „Hartz IV“ widersprach grüner Sozialpolitik fundamental. Auf dem SPD-Sonderparteitag am 1. Juni 2003 stimmten rund 80 Prozent der Delegierten zu — aber die 20 Prozent Gegner begannen einen Weg, der 2004 zur Gründung der WASG und schließlich 2007 zu Die Linke führte. Rot-Grün spaltete damit indirekt die SPD und schuf das fünfte Partei im deutschen Bundestag. Der Preis: Die SPD fiel von 40,9% (1998) auf 34,2% (2005). Für die Koalition war der reformpolitische Mut gleichzeitig ihr Wählergrab.

Nach Rot-Grün: Kein gemeinsames Kanzleramt mehr bis heute

Seit dem Ende von Rot-Grün 2005 haben SPD und Grüne auf Bundesebene nie wieder gemeinsam regiert. In drei aufeinanderfolgenden Großen Koalitionen (2005–2009, 2013–2017, 2018–2021) war die SPD Koalitionspartner der Union, die Grünen blieben in der Opposition. Erst 2021 führten sie die gemeinsame Regierungsarbeit fort — allerdings zu dritt in der Ampel mit der FDP. 2025 scheiterte auch dieses Modell: Die SPD trat der fünften Großen Koalition unter Friedrich Merz bei, die Grünen gingen in die Opposition. Ein echtes rot-grünes Revival auf Bundesebene hängt davon ab, ob beide Parteien zusammen auf mehr als 40 Prozent kommen — was in aktuellen Umfragen noch nicht in Sicht ist.

Häufige Fragen

Was war die Agenda 2010?

Die Agenda 2010 war ein umfassendes Reformpaket von Kanzler Schröder (2003), das den Arbeitsmarkt, das Sozialsystem und das Gesundheitswesen reformierte. Kernstück waren die Hartz-Reformen, die das Arbeitslosengeld neu regelten und Hartz IV einführten.

Warum verlor Rot-Grün 2005?

Die Agenda 2010 spaltete die SPD. Gewerkschaften und der linke Flügel rebellierten, die WASG (später Linkspartei) wurde gegründet. Schröder stellte 2005 die Vertrauensfrage, verlor absichtlich und erzwang Neuwahlen — die die SPD knapp verlor.

War der Kosovo-Einsatz der erste Kampfeinsatz der Bundeswehr?

Ja. Die Beteiligung der Bundeswehr am NATO-Einsatz im Kosovo 1999 war der erste Kampfeinsatz deutscher Streitkräfte seit dem Zweiten Weltkrieg. Ausgerechnet eine rot-grüne Regierung mit pazifistischen Wurzeln traf diese Entscheidung.

Welche Reformen setzte Rot-Grün um?

Zu den wichtigsten Reformen gehören die Agenda 2010 (Hartz-Reformen), der Atomausstieg, der Kosovo- und Afghanistan-Einsatz, die Ökosteuer, das Lebenspartnerschaftsgesetz, das Staatsbürgerschaftsrecht und das Erneuerbare-Energien-Gesetz.

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Mehr dazu: Sonntagsfrage erklärt · Briefwahl
SonntagsfrageCDU/CSU25,7%SPD12,3%Grüne13,7%AfD25,7%BSW3,5%FDP3,3%Linke10,2%INSA · 08.04.BTW 2025CDU/CSU28,5%SPD20,5%Grüne11,6%AfD20,8%BSW5,0%FDP4,3%Linke3,8%FAZ Politik Ungarns Nähe zu Moskau: Und Orbán versprach Putin: Ich bin Dir zu DienstenFAZ Politik Elsass will mehr Rechte: Autonomie in Straßburg und ParisWelt Politik „Wir brauchen Planungssicherheit in der Reserve“Spiegel Politik News des Tages: Mario Adorf, der Zauberer. Donald Trumps Ultimatum.Welt Politik Flasche mit Aufschrift „Polonium“ bei Ostereiersuche gefunden – Ergebnis steht festSpiegel Politik Boris Pistorius: Kommunikationsdesaster und die Frage nach seiner TauglichkeitTagesschau Ankündigung von Merz: Deutschland will wieder Gespräche mit Iran aufnehmenFAZ Politik In Tschechien: Langjähriger Rechtsextremist Liebich gefasstWelt Politik Trump erhöht den Druck auf Europa – und fordert laut Bericht konkrete Zusagen einZDF heute Europas KI-AufholjagdSpiegel Politik München: Nach Tod von Surferin wächst Streit um Risiko am EisbachTagesschau Ein Jahr Koalitionsvertrag: Von Liebe, Brücken und Reformen
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